Es gibt Probleme mit dem Druck, mal wieder. Die Technik hat sich aufgehängt, die Programme klemmen, und nichts geht mehr, sagt der Mann am Telefon.

Die Worte wollen nicht aufs Papier.

Das ist ein Problem. Und natürlich bleibt es an Peter Noßek hängen, sich um das Problem zu kümmern. Gerade hatte er sich einen Kaffee geholt und sich fallen lassen in einen Sessel in der "Coffee Lounge" der Harburger Bäckerei Schmacke, aber nun springt er doch auf, eilt auf den Ausgang zu, das Handy am Ohr, macht auf halbem Weg kehrt, holt etwas zu schreiben, kippt seinen Kaffee fast um, setzt sich wieder, springt auf. Wenn etwas mit dem Harburger Blatt nicht stimmt, stimmt auch was mit Peter Noßek nicht.

Das muss man verstehen: Noßek, 55 Jahre alt, ist Erfinder des Harburger Blatts und dessen Herausgeber. Er ist weiterhin: Chefredakteur, Chefreporter, Artdirector, Fotograf, Anzeigenleiter, Vertriebschef, Buchhalter, Sekretär, Zeitungsbote. Kurz gesagt: Peter Noßek ist das Harburger Blatt .

Während ein paar Kilometer weiter, in der Hamburger Innenstadt, die Redakteursstellen großer Verlage zusammengestrichen werden, während Chefredaktionen am Nebeneinander von Print und Online zerbrechen, stellt sich im Süden der Elbe Peter Noßek der Zeitungskrise entgegen: Alle zwei Wochen bringt er acht Seiten Lokalnachrichten heraus. Acht Seiten Print. Nur Print. "Es wird immer gesagt, das Internet sei schuld am Zeitungssterben", sagt Noßek. "Aber ich glaub, in Wirklichkeit sind die Zeitungen schuld am Zeitungssterben." Er will beweisen, dass die gedruckte Nachricht noch eine Zukunft hat, um jeden Preis. Und der Preis ist hoch: Zwischenzeitlich wurde ihm das Wasser abgestellt und das Internet, er musste sein Haus verkaufen. Peter Noßek macht trotzdem weiter.

Weil er zutiefst davon überzeugt ist, dass Worte kostbar sind.

Dass Worte etwas kosten.

Davon handelt seine Geschichte.

Es ist der 6. Dezember 2013, als Peter Noßek zum ersten Mal das Harburger Blatt herausbringt. Nur drei Monate zuvor waren die Harburger Anzeigen und Nachrichten (HAN) stolz und greis dem Zeitungssterben erlegen, mit fast 170 Jahren die älteste Tageszeitung Hamburgs. Noßek wähnt eine Marktlücke: Während der Wintersturm Xaver am Nikolaustag durch Harburgs Straßen jagt, verteilt er mit Freunden 20.000 Exemplare des Harburger Blatts. Die erste Ausgabe ist gratis, hat nur zwei Seiten, wirkt wie ein Flugblatt. Lokalzeitungen seien "die Speerspitze im Kampf gegen Willkür und Ungerechtigkeit", schreibt Noßek voller Pathos im Aufmacher. Und dass "Harburg mehr als eine Beilage" sei. Viele haben damals über diesen seltsamen Journalisten den Kopf geschüttelt.

"Die Menschen lieben, was ehrlich ist. Wenn es laienhaft wirkt: scheiß drauf"

Aber heute, zehn Monate später, an einem Mittwoch im Oktober 2014, liegt Ausgabe 21 des Harburger Blatts vor Noßek auf dem Tisch der Bäckerei Schmacke, eine richtige, schmale Zeitung. Über die Titelseite schwingt sich ein gezeichneter Adler, an seinen Krallen baumeln Menschen, daneben ein Text über das europäische Flüchtlingsdrama: "Wir zeigen zu viel mit dem Finger auf die, die’s eigentlich richten müssten: Regierung, Bezirksversammlung, Verwaltung. Die sind überfordert. Merkt man doch." Der Autor ist Peter Noßek. Auf Seite zwei: ein Editorial über den Niedergang der Kultur in Harburg. Der Verfasser: Peter Noßek. Weiter geht es mit dem Artikel "Geselligkeit im Wandel der Zeit", einer Würdigung des Harburger Gesellschaftsclubs Hilaritas. Von Peter Noßek.

Er schlägt die Zeitung auf, blättert durch die Seiten: Zwischen seinen eigenen Texten finden sich eingesendete Fotos von Lesern, der offene Brief des Clubs Stellwerk, der Ärger mit der Nachbarschaft hat, Texte freier Mitarbeiter und Werke von Hobbypoeten. "Fitnessstudio / ehemals Haus der Künste / rien ne va plus", hat ein Leser gedichtet. Ein örtlicher Tätowierer hat Illustrationen beigesteuert. Für Noßek ist es wichtig, dass sich jeder Harburger einbringen kann – dafür nimmt er in Kauf, dass das Ganze zuweilen an Schülerzeitung erinnert. "Die Menschen lieben, was ehrlich ist. Was authentisch ist. Wenn es laienhaft wirkt: scheiß drauf", sagt er.

"Plötzlich war Harburg auch medial nur noch irgendein Teil Hamburgs"

Er stürzt den letzten Schluck Kaffee runter und tritt aus der Tür der Bäckerei in die warme Oktoberluft. Vor ihm frisst sich die Rolltreppe zur S-Bahn-Station Harburg Rathaus in den Untergrund, die Straße scheint wie von einem Grauschleier überzogen. Noßek mit seinen pinken Turnschuhen unter der hochgekrempelten Jeans wirkt wie ein Farbtupfer. Er läuft in Richtung Wochenmarkt, er kann zu fast jedem Geschäft hier etwas erzählen. "Guck mal, da sitzt ja Bernd", sagt er und winkt einem Bekannten hinter der Scheibe des Cafés Midpoint. Daneben liegt ein Schlüsselladen, "der Betreiber ist der Sohn meines alten Mathelehrers", sagt Noßek. Vor dem Frisör Haarburg biegt er ab zum Wochenmarkt. Sein Reich. Er grüßt in alle Richtungen, er kennt fast jeden Standbesitzer. Und fast jeder Standbesitzer kennt ihn, den Mann mit dem zerfurchten Gesicht, den zerstrubbelten Haaren und der zerfusselten Wolljacke: Peter Noßek, ein Bilderbuch-Lokaljournalist.

Das Handy klingelt, Noßek zuckt, schaut hektisch aufs Display, aber es ist nicht die Druckerei. Er steckt das Telefon zurück in die Jackentasche, verzieht genervt den Mund.

"Eigentlich wollte ich ja nie eine Zeitung machen", sagt er. Er hat Sportwissenschaft studiert, er wollte Basketballtrainer werden. Hat aber nicht geklappt. Dann schenkte ihm seine Mutter seine erste Kamera, eine kleine Olympus. "Ich war total fasziniert, dass man Gegenwart in Bildern konservieren kann", sagt Noßek. Diese Faszination hat ihn nie wieder verlassen. Er wurde Fotograf, arbeitete als freier Journalist für die HAN .

Er lernte, die Gegenwart in Worten zu konservieren. Auf Papier. Aber dann wurden die HAN eingestellt.

"Plötzlich war Harburg auch medial nur noch irgendein Teil Hamburgs", erinnert sich Noßek. Eine Beilage. Für einen geborenen Harburger wie ihn unerträglich. Er gründete eine Facebook-Gruppe, "Rettet die HAN", eigentlich lief die ganz gut. Aber dann sagte ein Freund zu ihm: "Wenn man Energie hat, sollte man die nicht in etwas Sterbendes stecken. Wenn man Energie hat, sollte man sie nutzen, um etwas Neues zum Leben zu erwecken." Da, sagt Noßek, sei ihm klar gewesen: Er musste etwas Neues machen. Und er machte das Harburger Blatt.

Die gedruckte Lokalzeitung: etwas Neues? Im Ernst? Im Ernst, sagt Noßek.

Er wechselt ein paar Worte mit dem iranischen Kioskbesitzer am Marktplatz, im Weggehen weist er auf die ausgelegten Hefte: "Wenn das Wort ›Zeitung‹ fällt, haben doch alle das gleiche Bild im Kopf." Das gelte besonders für Lokalzeitungen: "Die Landeszeitung Lüneburg sieht aus wie das Wedel-Schulauer Tageblatt sieht aus wie die Rotenburger Rundschau." Deshalb wolle er das Erscheinungsbild aufbrechen. Noßek redet sich heiß: "Es muss anders aussehen. Anders klingen. Wir müssen uns was trauen. Was vor 150 Jahren funktioniert hat, warum soll das heute in Neuauflage nicht mehr funktionieren?"

– Weil es heute das Internet gibt.

"Ja. Weil’s heute das Internet gibt ..." Noßek denkt nach. Senkt beim Laufen den Blick auf seine pinken Schuhe. "Aber Zeitung ist ein cooles Medium. Da können sich Generationen begegnen. Die alten Leute sind ja nicht im Internet."

– Aber die jungen Leute lesen keine Zeitung.

"Das glaube ich nicht", sagt Noßek. "Nicht so grundsätzlich. Ich glaube, das gedruckte Wort, schwarz auf weiß, hat noch eine Kraft."

"Ich muss halt meine Unkosten so weit wie möglich runterfahren"

Man könnte seine Geschichte nun natürlich als die einer riesengroßen Naivität erzählen. Als das alte David-Goliath-Ding, und natürlich sagt auch Noßek über sich selbst, er sei ja "irgendwie David" und dass er schon immer Luke Skywalker gemocht habe. Man kann lächeln darüber, wenn Noßek seine Zeitung durchblättert, über der einzigen Seite mit bunten Fotos innehält und sagt: "Ja. Das hier ist dann die Zukunft: Farbdruck."

Aber man kann sich auch fragen, ob nicht auch etwas dran ist an manchen seiner altmodischen Ansichten. Zum Beispiel, wenn er sagt: "Ich möchte lieber 3000 Leute erreichen, die bereit sind, für etwas von Wert zu bezahlen, als 85.000, die alles umsonst wollen. Also muss ich in die gedruckte Zeitung investieren, anstatt sie totzureden." Oder wenn er sagt: "Wenn eine Zeitung von ihren Besitzern behandelt wird wie jedes andere Wirtschaftsprodukt, ist sie mehr ihren Bilanzen verpflichtet als ihrem Leser."

Noßek produziert die Zeitung in einem Harburger Jeansshop

Noßeks Vorstellungen vom Zeitungmachen mögen idealistisch, romantisch und manchmal irre sein. Aber er ist dafür keinem der anderen Journalistenleiden verfallen: dem Selbstmitleid, der Selbstbezogenheit und dem Selbsthass, durch den das Ende der Zeitung auf Papier mit einem Eifer herbeigeredet wird, als gälte es, am lautesten zu jammern.

Noßek ist in einer kleinen Straße im Harburger Zentrum angelangt, sie heißt Küchgarten. Zu seiner Linken ein Sonnenstudio, ein geschlossener Kosmetiksalon, eine Spielhalle. Das, was bleibt, wenn alles andere eingegangen ist. Gegenüber: der Jeansshop Harburg. Die Redaktion.

Zwischen Regalen mit sorgfältig gefalteten Hosen steht Kai: kinnlange Haare, Karohemd, untenrum natürlich Jeans. Kai macht die Grafik für das Harburger Blatt, "alles selbst beigebracht", sagt er. Und er stellt die Arbeitsräume zur Verfügung. Also den Arbeitsraum, es ist ja nur einer. Winzig klein. "Hier produzieren wir jeden Montag die Zeitung", sagt er. Wie als Antwort auf den suchenden Blick nach möglichen Arbeitsplätzen in dem voll gestopften Raum zeigt Kai auf einen Tisch, auf den eine ausladende Maschine geschraubt ist. "Das ist eine T-Shirt-Presse", sagt er, "da kann man die Platte hier abnehmen". Er ruckelt und räumt einen Teil des Apparats in eine Ecke, "dann passt daneben ein Laptop". Auf einem zweiten Tisch stapeln sich T-Shirts, die für die Legalisierung von Marihuana werben. Die kommen montags auch zur Seite. Ein dritter Kollege kann an Kais Schreibtisch sitzen, zwischen Jeanskatalogen und Jeansquittungen. Zwischendurch klingelt mal die Ladenglocke, dann muss Kai nach vorne und eine Jeans verkaufen.

Von irgendwas müsse er ja leben, sagt Kai. Und als Grafiker für die Zeitung verdiene er eben noch nichts. Keiner, der beim Harburger Blatt mitmacht, verdient daran. Aber die meisten haben, wie Kai, ein zweites Standbein. Als Jeansverkäufer, als Tätowierer, als Aushilfe im Hamburg Dungeon. Nur Peter Noßek macht nichts anderes.

2000 bis 2500 Exemplare der Zeitung verkaufen sie jede Woche, für einen Euro das Stück. Um "den Kühlschrank zu füllen", sagt Noßek, müssten es doppelt so viele sein. Er sitzt auf einem Stapel T-Shirts und erzählt von dem Preis, den er zahlt für sein Projekt: "Ich muss halt meine Unkosten so weit wie möglich runterfahren, um das machen zu können." Er sei für sehr kleine Miete bei Bekannten untergekommen, "ab und zu stecken mir Freunde oder Verwandte was zu", sagt er.

Ob die ihm nie geraten hätten, sich einen anderen Job zu suchen? Noßek zuckt nur mit den Schultern, sucht nach Worten, die ihm gerade groß genug erscheinen: "Wenn man an etwas glaubt, dann muss man alles in die Waagschale werfen."

Da klingelt wieder das Handy. Peter Noßek nimmt ab, läuft auf und ab durch den Jeansladen, spricht aufgeregt, legt auf, grinst. "Daumen drücken", sagt er, "sieht aus, als klappt das mit dem Druck." Ausgabe 22 des Harburger Blatts ist auf gutem Weg.