Nicht immer in Eintracht: Altkanzler Helmut Kohl im Jahr 2010 mit seiner Nachfolgerin Angela Merkel. Hinter Kohl seine Ehefrau Maike Kohl-Richter © Sean Gallup/Getty Images

Die Fragen:

1. Hat Helmut Kohl die Rolle der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 in Wahrheit gar nicht so hoch eingeschätzt – und schätzte er die Ostdeutschen viel weniger, als er den Anschein erweckte?

2. Wie groß ist Kohls Respekt vor Angela Merkel wirklich?

3. Helmut Kohl hat seinen einstigen Ghostwriter auf Herausgabe jener Tonbänder verklagt, auf denen die Gespräche der beiden festgehalten sind. Dennoch wurde nun daraus zitiert. Was hätten Sie mit den Tonbändern gemacht?

4. Welches Buch über Kohl muss noch geschrieben werden? Anders gefragt: Was wissen wir noch nicht über ihn?

Klaus Dreher

von 1976 bis 1993 Leiter des Hauptstadtbüros der "Süddeutschen Zeitung", veröffentlichte 1998 "Helmut Kohl. Leben mit Macht" (DVA)

1. Hat Kohl die Rolle der Friedlichen Revolution gering geschätzt? Kohl wusste, dass er den Aufstand der DDR-Bürger brauchte. Seine Mitarbeiter ließ er genau verfolgen, was in der DDR vor sich ging. Nach dem Mauerfall, im Dezember 1989, trat Kohl in Dresden auf und begann vorsichtig und erfolgreich, die Menschen im Osten zu beeinflussen: Statt um Revolution sollte es nun um die Einheit gehen. Jetzt wird Kohl zitiert mit dem Satz: "Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der Heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert." Aus seinen Worten spricht wohl die Verbitterung eines Staatsmannes, der seine Leistungen immer noch nicht angemessen gewürdigt sieht.

2. Wie groß ist Kohls Respekt vor Merkel? Kohl hat keinerlei Respekt vor Angela Merkel, das war schon bekannt. Neu ist, dass unverschämte Äußerungen wie der Satz "Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen" nun öffentlich wurden. Der Mann hat hinter den Kulissen ja oft unflätig über alles und jeden hergezogen.

3. Was hätten Sie mit den Bändern gemacht? Ich hätte die Tonbänder veröffentlicht, na selbstverständlich! Das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit wiegt für mich schwerer als das Vertrauensverhältnis zwischen Politiker und Journalist. Und: Wenn Kohl mit einem Journalisten spricht und dabei ein Tonband läuft, dann weiß Kohl, dass die Inhalte irgendwann öffentlich werden. Auch ich habe meine Erfahrungen mit Kohl gemacht. Einmal – da war er noch Kanzler – sprach ich mit ihm über seinen potenziellen Nachfolger. "Wenn ich schon gehen muss, dann soll Schäuble mein Nachfolger werden", sagte er. Und ich schrieb darüber. Es war die Wahrheit, aber Kohl wollte diese aus Machtkalkül noch geheim halten. Mein Verhältnis zu ihm ist danach abrupt in die Brüche gegangen.

4. Was wissen wir noch nicht über Kohl? Es braucht eine Biografie, die seine Verfehlungen, selbst in der Spendenaffäre, in Relation zu seinen Leistungen setzt. Diese wiegen schwerer als seine Fehler. Kohls großes Verdienst war die Einheit. Er hat sie herbeiführen können, weil er dem Rest der Welt vermittelte: Dieses vereinigte Deutschland wird nie wieder einen Krieg beginnen.