Die Reise von Prag an den Bodensee im Herbst 1414 gleicht einem Triumphzug. Jan Hus ist zur europäischen Berühmtheit geworden, seit ihn die Kurie vier Jahre zuvor als Häretiker exkommuniziert und mit dem Großen Kirchenbann belegt hat. Überall auf seinem Weg wird der böhmische Magister, Priester und zeitweilige Rektor der Prager Universität freundlich empfangen. Direkt nach der Verurteilung 1410 hat er sich nicht getraut, zu seiner Verteidigung vor der Kurie zu erscheinen – zu sehr fürchtete er um sein Leben. Doch diesmal wähnt er sich in Sicherheit: Der römisch-deutsche König Sigismund hat ihn eingeladen, nach Konstanz zum Generalkonzil zu kommen, das im November beginnen soll, und ihm sicheres Geleit versprochen.

Eigentlich dürfte mit dem Gebannten niemand sprechen, keine Dorfwirtschaft ihm auch nur einen Krug Wasser ausschenken. Doch nirgends hält man sich daran. In Sulzbach diskutiert Hus mit Juristen, in Nürnberg wird er von einer Volksmenge empfangen, der Rat der Stadt und gelehrte Magister bitten zur Disputation. Von so viel Wohlwollen ermutigt, lässt er entlang der Reiseroute Plakate anschlagen: Wer ihn der Ketzerei verdächtige, solle seine Klage doch in Konstanz vortragen. Gehobener Stimmung stellt Hus in einem Brief fest, er habe "bisher keinen Feind gefunden".

Feinde findet er allerdings am Ziel der Reise. Als Hus am 3. November 1414 in Konstanz eintrifft, sind seine Gegner schon da. Kaum war die päpstliche Bulle über die Einberufung des Konzils in Prag bekannt geworden, begannen konservative Theologen der dortigen Universität und Vertreter des Klerus, ihre Fallstricke zu spannen, und schickten Geheimagenten los, um die anreisenden Kardinäle und Berater mit belastendem Material gegen die "ketzerische Pestilenz" zu versorgen.

Doch Hus, ein besonnener Theologe, glaubt noch an den guten Willen der Kirchenelite. Sicherheitshalber hat er sich aber vom Prager Inquisitor ein Zeugnis besorgt, das ihn als rechtgläubigen Mann ausweist. Sein Prager Schneider, der ihm das Reisegewand anpasste, ahnte trotzdem Böses. Zum Abschied sagte er: "Gott sei mit dir. Mir scheint, du wirst nicht zurückkehren."

Das Papsttum ist zur Farce geworden. Es geht nur noch um Geld und Macht

Als Hus nach Konstanz aufbricht, ist er 44 Jahre alt. Zwölf Jahre zuvor ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Magister der Freien Künste, Theologe und Priester an die von Kaufleuten gestiftete Bethlehemskapelle in Prag berufen worden. Dort hält er jährlich rund 200 Predigten. Aber nicht auf Latein: Hus spricht tschechisch, damit das einfache Volk ihn verstehen kann. Die 3.000 Zuhörer fassende Kapelle wird unter seiner Leitung rasch zum Sammelbecken reformorientierter und nationalbewusster Kreise. Denn auch wenn die Bevölkerungsmehrheit Böhmens tschechischer Herkunft ist, dominiert eine kleine deutsche Oberschicht das Land. Hus macht sich zur Stimme der Tschechen gegen die zugezogenen Herren.

Er predigt nach dem Vorbild des englischen Kirchenkritikers John Wyclif (ca. 1330 bis 1384). Der lehnte die von Papst, Kardinälen und Bischöfen geführte Kirche als eine hierarchische Institution ab. Nach seinem Verständnis sollte sie eine Gemeinschaft von Gott auserwählter Menschen sein, deren Haupt Christus allein sei. Wyclif kritisierte den weltlichen Herrschaftsanspruch der Kirche, das Papsttum, den Verkauf von Ämtern (Simonie), die Heiligenverehrung und den Reichtum des Klerus. Er verachtete den Handel mit Sakramenten, forderte eine arme, machtlose, dafür an geistlichen Gütern reiche Kirche.

Dieser moralische Rigorismus begeisterte den jungen Prediger Jan Hus. Wie viele Kirchenkritiker seiner Zeit litt auch er am sittlichen Verfall seiner tief gespaltenen Kirche. Seit der Doppelwahl von 1378 gab es zwei Männer, die sich als Nachfolger Petri bezeichneten; auf dem Konzil von Pisa kam 1409 ein dritter dazu. Da es nur noch um Macht und Geld ging, war das Amt des Papstes zur Farce geworden, und diejenigen, die es ausfüllten, erwiesen sich als Spielbälle der europäischen Monarchen. Diese zerrüttete Kirche wollte Hus reformieren.

In Böhmen unterstützten der Adel und König Wenzel – Halbbruder des späteren Königs Sigismund – Hus und seine Anhänger. Deren Forderung, die Regierenden müssten die unwürdig gewordene Kirche ihrer Güter enteignen, gefiel dem Adel. Die Stimmung in der Goldenen Stadt Prag war aufgeheizt, die Spannungen zwischen den zugezogenen Deutschen und den einheimischen Tschechen spitzten sich immer weiter zu.