Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen posiert mit Bundeswehrsoldaten in Eckernförde, Juli 2014. © Fabian Bimmer/Reuters

Deutschland diskutiert über Bodentruppen gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat". Bundeswehrsoldaten im Häuserkampf um Kobani! Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag hat diesen spektakulären Vorschlag ins Spiel gebracht. Das schlägt Wellen. Das weckt Erinnerungen an Zeiten, als die Grünen schon einmal Vorkämpfer für bewaffnete Interventionen waren. Damals, Ende der neunziger Jahre, als die Partei auseinanderzufliegen drohte, als der grüne Außenminister auf dem Kosovo-Parteitag von einem Farbbeutel getroffen wurde und, vielleicht nur deshalb, am Ende das Ja zum Krieg durchsetzte. Es war großes grünes Drama. Vor allem aber war es eine bedeutsame Zäsur in der Geschichte der Republik. Erstmals beteiligten sich Bundeswehrsoldaten an einem Kampfeinsatz. Davon kann heute keine Rede sein. Der deutsche Pazifismus ist inzwischen ausgeprägter als zu Joschka Fischers Zeiten.

Deshalb liegen zwischen dem Vorschlag von Katrin Göring-Eckardt und seiner Realisierung Hürden, die so hoch sind, dass die Grünen im Deutschen Bundestag ihm niemals werden zustimmen müssen. Die erste Hürde ist das UN-Mandat, das die Grünen zur Voraussetzung für einen Militäreinsatz in Syrien erklärt haben. Niemand ist in Sicht, der ein solches Mandat beantragt, weil niemand Bodentruppen in die Region schicken will. Falls doch, müsste man zuvor Russland und China davon überzeugen, das Vorhaben zu unterstützen, es zumindest nicht zu blockieren. Unwahrscheinlich.

Die nächste Hürde ist das kategorische Nein der Bundesregierung. Sie hat nicht einmal eine Beteiligung an den Luftschlägen gegen den IS in Erwägung gezogen. Dass sie bereit sein könnte, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden,ist darum geradezu abwegig. Und dann ist da noch die Bundeswehr selbst, derzeit vielleicht die höchste Hürde vor einem Syrien-Einsatz. Auch wenn sich die Transportfrage irgendwie lösen ließe, welches Bundeswehrbataillon wäre vorbereitet auf den Kampf gegen die Terrorkrieger?

Nein, Deutschland diskutiert nicht über Bodentruppen im brennenden Nahen Osten. Deutschland diskutiert auch sonst nicht über größere militärische Mitverantwortung im internationalen Krisengeschehen. Allenfalls tut es manchmal so.

Als der Bundespräsident das Jahr 2014 mit einem außenpolitischen Paukenschlag eröffnete, schien es, als kündige sich darin eine Kurskorrektur an. Unterstützt von Außenminister Steinmeier und Verteidigungsministerin von der Leyen, forderte Joachim Gauck ein substanzielleres internationales Engagement Deutschlands. Ausdrücklich bezog sich Gaucks Vorstoß auf das gesamte Instrumentarium, von der klassischen Diplomatie über humanitäre Hilfe bis hin zur entwicklungspolitischen Kooperation. Erst zum Schluss, wenngleich unüberhörbar, mahnte er auch die Bereitschaft an, deutsche Soldaten an internationalen Einsätzen zu beteiligen, wenn alle anderen Mittel zur Konfliktbekämpfung ausgeschöpft seien.

Doch mit keinem Anspruch liegt der populäre Präsident so konträr zur deutschen Stimmungslage wie mit der Forderung nach Mitverantwortung bei der militärischen Krisenbewältigung. Sie gilt inzwischen grundsätzlich als so riskant, so kontraproduktiv, ja gar unmoralisch, dass, anders als in früheren Jahren, nicht einmal mehr ernsthaft darüber debattiert wird. Daran ändert der grüne Vorstoß für einen gänzlich unrealistischen Bundeswehreinsatz ebenso wenig wie die jüngsten Lockerungsübungen der Linkspartei. Klar ist es für die Antimilitaristen um Gregor Gysi eine Zäsur, wenn plötzlich aus der Partei Zustimmung zu amerikanischen Luftschlägen kommt. Doch bis die Linke einen deutschen Militäreinsatz unterstützt, wird es noch lange dauern. Von dieser Seite droht dem deutschen Pazifismus keine ernsthafte Gefahr.

Das Nein zu Militäreinsätzen ist heimliche deutsche Staatsräson

Aber auch die große Koalition ist entschlossen, sich neuen militärischen Herausforderungen zu entziehen. Die in den neunziger Jahren mit den Bundeswehreinsätzen in Bosnien und im Kosovo begonnene Entwicklung ist bereits vor Jahren abgebrochen. Die Entscheidung für eine Beteiligung in Afghanistan im Jahr 2001 war die letzte ihrer Art. Der Pazifismus der Nachkriegsjahrzehnte wurde inzwischen von einem neuen Pazifismus abgelöst, der längst nicht mehr als oppositionelle Massenbewegung daherkommt. 25 Jahre nach dem Mauerfall ist er zum politisch gesellschaftlichen Mainstream geworden.

Das erklärt, warum eine Beteiligung der Bundeswehr an den Luftangriffen gegen den IS nicht einmal diskutiert wurde, obwohl auch hierzulande weitgehend unbestritten ist, dass die Terrororganisation daran gehindert werden muss, immer weitere Teile Syriens und des Iraks zu erobern. Es ist die stillschweigende Art, in der wir uns für nicht zuständig erklären, in der die prinzipielle anti-militärische Haltung der Deutschen heute zum Ausdruck kommt. Der Pazifismus ist zur heimlichen deutschen Staatsraison avanciert.