Erfände ein Chemiekonzern heute die Wolle, würde das als Sensation gefeiert. Die Schafhaare haben Eigenschaften, die sie zu einem perfekten Grundstoff für Textilien machen. Wenn nur das Kratzen nicht wäre ...

Vergleichen wir Schafwolle mit der pflanzlichen Baumwolle, dann gibt es einige entscheidende Unterschiede: Während die Baumwollfaser Wasser aufsaugt, pitschnass wird und unangenehm am Körper klebt, besteht die Wollfaser aus zwei unterschiedlichen Teilen: dem Faserstamm, Cortex genannt, der bis zu einem Drittel seines Gewichts an Feuchtigkeit aufnehmen kann, und der Außenhülle, der Cuticula, die zwar Wasserdampf nach innen durchlässt, selber aber wasserabweisend ist. Deshalb fühlt sich ein Pullover, der schon Feuchtigkeit aufgenommen hat, immer noch angenehm trocken an.

Die abweisende Eigenschaft der Faserhülle sorgt aber auch dafür, dass selbst flüssiger Schmutz nicht in die Faser dringt, sondern auf der Oberfläche kleben bleibt und dort trocknet. Man kann ihn dann relativ leicht durch Bürsten oder Ausschütteln entfernen. Dabei helfen einem die Fasern sogar: Die Wolle "lebt" in gewisser Weise nämlich weiter. Da das Innere aus zwei Faserarten besteht, die unterschiedlich viel Feuchtigkeit aufnehmen und sich daher unterschiedlich verformen, reiben sich die Fasern aneinander und sondern so den Schmutz ab – die Wolle reinigt sich also insofern selbst.

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Schließlich kann Schafwolle hervorragend schlechte Gerüche absorbieren und neutralisieren. Während ein Baumwoll-T-Shirt Tabakqualm- oder Schweißgeruch schnell annimmt und stinkt, riecht Wolle nach gründlichem Auslüften tatsächlich wieder frisch.

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