"Sozialindustrie" ist ein boshaftes Schimpfwort – auch darum, weil es falsch ist. Industrielle Produktion zeichnet sich durch möglichst hohe Mechanisierung und Automatisierung aus. Sozialarbeit ist genau das Gegenteil davon. Für individuelle Probleme müssen mehr oder weniger maßgeschneiderte Lösungen gesucht werden. Der sogenannte Sozialirrsinn in Hagenbuch und der "Sozial-Wahn" im Fall "Carlos" gründen eben nicht auf der standardisierten Abfertigung von Sozialfällen, sondern auf teuren Spezialsettings. Solche kann und muss man diskutieren. Mit Industrie aber haben sie gar nichts zu tun. Wer trotzdem mit Schaum vor dem Mund gegen die "Sozialindustrie" anschreibt, sagt mehr darüber aus, wie er selber tickt, als darüber, wie die Sozialarbeit funktioniert.

Wenn die "Empörungsindustrie" von Medien und Politik am Fließband Skandale produziert, leidet mitunter die semantische Qualität.

Die Kampagne gegen die "Sozialindustrie" ist aber nicht nur begrifflich falsch, sondern auch scheinheilig. Besonders deutlich zeigt dies der Angriff auf jene Firmen, die im Auftrag von Gemeinden Sozialhilfebezüger in Arbeitsintegrationsprogrammen beschäftigen und Dienstleistungen oder Produkte am Markt verkaufen.

Dieses Modell kann man kritisieren: Als paternalistischen Zwang, weil die Teilnahme an einem solchen Programm nicht freiwillig ist. Als ineffizient, weil der Staat mehr bezahlt als bloß die Sozialhilfe, der Integrationserfolg aber fraglich ist. Als bürokratisch, weil zur Beschäftigung von Sozialhilfebezügern ein Betreuungs- und Verwaltungsapparat aufgebaut wird. Als Marktverzerrung, weil eine solche Firma niedrigere Gehaltskosten hat, als wenn sie Marktlöhne bezahlen müsste. Als Fehlanreiz, weil die Firmen umso mehr verdienen, je länger die Teilnehmer in der Sozialhilfe verharren. Das wären alles gute Argumente, wenn es um eine sachliche Diskussion ginge – und nicht um die Fortsetzung des Kampfes gegen den Sozialstaat mit anderen Begriffen.

Geflissentlich wird der geistige Ursprung der Arbeitsintegration unterschlagen: An seinem Anfang stand der Grundsatz "Arbeit statt Fürsorge"; im englischen Original "welfare to work". Damit war gemeint, dass der Staat Armen nicht einfach Geld geben, sondern von ihnen eine Arbeitsleistung verlangen soll. Einer der Urheber dieser Forderung war der amerikanische Politikwissenschaftler Charles Murray. Auf seine These, dass Sozialhilfe die Armut fördere, anstatt sie zu verringern, stützte sich in den neunziger Jahren Bill Clintons Sozialhilfereform. Wenn nun gerade die Basler Zeitung mit salbungsvollen Worten Murrays Theorie verklärt und gleichzeitig die auf ihrer Grundlage entstandenen Sozialfirmen anprangert, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Immerhin: Der Kampfbegriff "Sozialindustrie" suggeriert eine gewisse Wirtschaftlichkeit. Dass soziale Organisationen nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen geführt werden, anstatt nach parteipolitischem Gusto, ist also selbst in den Augen ihrer Kritiker nicht falsch.

Bezeichnend ist, dass die Entwicklung im Gesundheitswesen in den letzten Jahren ähnlich verlief wie im Sozialbereich: Es wurde akademisiert, professionalisiert, rationalisiert. Man führte Kenndatencockpits und Qualitätsmanagementsysteme ein, berechnete Ausnützungsziffern, Betreuungsquoten und den Break-even. Nur werden Spitäler und Krankenkassen nicht als "Gesundheitsindustrie" verunglimpft. Denn krank werden wir alle irgendwann einmal. Arm aber werden immer nur die anderen.

Trotzdem: Wie in jedem guten Schimpfwort steckt im Begriff "Sozialindustrie" ein wahrer Kern. Auch von innen fühlt sich das Sozialwesen zuweilen an, als wäre vieles Selbstzweck. Wer aber ehrenamtliche Wohltätigkeit zur Alternative zum Sozialstaat emporstilisiert, will die "Sozialindustrie" durch eine "Almosenindustrie" ersetzen, wie sie die USA kennen. Doch gerade im Kampf gegen Armut, Gewalt, Langzeitarbeitslosigkeit, Alkoholismus oder Drogenabhängigkeit ist gut gemeint das Gegenteil von gut. Und in einem verfahrenen Fall wie jenem von "Carlos" so zu tun, als gäbe es simple und billige Lösungen, ist entweder naiv oder gemein.

Nun hat meine Branche aber leider den Hang, ihre Tätigkeit komplexer darzustellen, als sie tatsächlich ist. Der Begriff Sozialarbeit legt eigentlich nahe, dass gearbeitet wird. Nur vergessen das Sozialarbeiter gelegentlich. Gerne verstecken sie sich hinter pseudoakademischen Worthülsen oder beschäftigen sich mit Prozess-, Qualitäts- und Fallmanagementsystemen anstatt mit Menschen, denen es dreckig geht und die manchmal auch dreckig sind. Und für alles und jedes wird nun plötzlich ein Master gefordert. In meiner Zeit als Leiter der Drogenhilfe der Stadt Zürich haben mir alle möglichen Leute vordoziert, wie man meinen Job richtig machen würde. Nur selber machen wollten sie ihn nicht.

Die Sozialarbeit ist für diese Entwicklungen aber nicht allein verantwortlich: Die Akademisierung ihrer Berufsbildung folgt einem allgemeinen Trend. Gegen die damit verbundenen Lohnerhöhungen sträubten sich die Mitarbeiter nicht allzu heftig: Wer dies täte, der werfe den ersten Stein! Auch das sogenannte New Public Management war keine Idee von "Sozialindustriellen". Durch die Umstellung auf die leistungsorientierte Finanzierung vor rund zwanzig Jahren wurden im Sozialwesen marktähnliche Verhältnisse geschaffen. Fortan mussten die einzelnen Organisationen – staatliche wie private – unternehmerisch handeln. Das muss man nicht gut finden, aber man sollte den zugrunde liegenden Mechanismus verstehen. So liegen zum Beispiel hinter dem Konflikt in der Drogenpolitik um Methadonbehandlung oder abstinenzorientierte Therapien nicht nur fachliche oder weltanschauliche Differenzen. Es geht auch um Marktanteile.

Und gerade deshalb ist die Kampagne gegen die "Sozialindustrie" besonders ärgerlich: Sie stößt keine Debatte an, sondern erstickt sie. Wenn die einen aus allen Rohren schießen, igeln die anderen sich ein. Dabei wäre eine Auseinandersetzung über Ziele, Grundsätze und Funktionsweise des Sozialwesens nötig. Nicht einmal so sehr wegen der tatsächlichen oder vermeintlichen Skandale, sondern aus Prinzip: Es wird immer Personen geben, mit denen die Gesellschaft nicht selbst fertig wird. Eigenverantwortung, Familie, Freundschaft und private Wohltätigkeit können einiges und einige auffangen, aber nie alle. Die anderen landen entweder in der "Sozialindustrie" oder im Strafvollzug. Die Frage, wo die Grenze zwischen diesen beiden Polen gezogen wird, entscheidet darüber, in welcher Art von Gesellschaft wir leben.