DIE ZEIT: Herr Dr. Müller-Enbergs, Sie unterrichten Spionagegeschichte in Dänemark und sind langjähriger Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. Kommt es vor, dass Sie abends vor dem Fernseher sitzen und plötzlich jemanden sehen, dem Sie zuvor in Ihrer Forschungsarbeit begegnet sind?

Helmut Müller-Enbergs: Durchaus. Zum Beispiel Wladimir Putin.

ZEIT: Woran denken Sie, wenn Sie ihn auf dem Bildschirm vor sich sehen?

Müller-Enbergs: An den ehemaligen Oberstleutnant des KGB in Dresden. Alles, was der Mann macht, ist wie aus einem Geheimdienst-Lehrbuch. Wie er die Annexion der Krim inszeniert hat, liest sich wie ein Jahresplan des ehemaligen KGB. Aber ich denke an noch etwas, wenn ich Putin sehe: an eine Frau mit dem Decknamen "Lenchen".

ZEIT: Wer ist das?

Müller-Enbergs: Eine Dolmetscherin, die 1985 in der Dresdener KGB-Filiale in der Angelikastraße 4 gearbeitet hat. Putin war damals 33 Jahre alt und mit der Ausbildung von DDR-Bürgern zu Funkagenten befasst. Und die Frau war seit Anfang der achtziger Jahre Innenquelle des Bundesnachrichtendienstes.

ZEIT: Der BND hatte eine Quelle in Putins direktem Umfeld?

Müller-Enbergs: Sie war wohl ziemlich eng mit Putins Ehefrau Ljudmila befreundet. Der BND bekam so also auch Informationen über sein Privatleben. Dann aber gab es ein Problem: Lenchen wurde schwanger von einem KGB-Oberst. Bei einer ihrer Reisen nach West-Berlin konnte das "bereinigt" werden, wie man das nannte. Nach der Abtreibung war es ihr psychisch unmöglich, weiter operativ in Dresden zu arbeiten, der BND zog sie ab. Immerhin stand in der DDR auf Hochverrat damals noch die Todesstrafe. In der Bundesrepublik wurde sie mit einer neuen Identität versehen.

ZEIT: Wurde diese Geschichte je offiziell bestätigt?

Müller-Enbergs: Ein Sprecher der russischen Regierung hat sie dementiert, das Übliche. Trotzdem würde ich angesichts der Quellenlage formulieren: Als Putin 1999 als Ministerpräsident das Ruder in Russland übernahm, war er für die zuständigen Stellen in Deutschland kein Unbekannter.

ZEIT: Ein bemerkenswerter Erfolg für den BND, der ja allgemein als nicht so erfolgreich gilt?

Müller-Enbergs: Es ist nicht immer fair, wenn der BND als "Gurkentruppe" verspottet wird. Allerdings muss man schon feststellen, dass die HV A, also der Auslandsnachrichtendienst des Ministeriums für Staatssicherheit, dem BND oft voraus war. Diese ostdeutschen Männer – es waren fast nur Männer – mit ihren Kunststoffschuhen und -taschen haben eine beachtliche Spionagetheorie entwickelt, die im Vergleich unglaublich professionell ist. Es ist nichts Besseres überliefert. Salopp ausgedrückt: Von der Stasi-Spionage lernen heißt siegen lernen. Dass die DDR am Ende untergegangen ist, ändert daran nichts. Die Stasi wird heute manchem Dienst wie dem russischen als Vorbild dienen.

ZEIT: Auch der NSA?

Müller-Enbergs: Die NSA betreibt Hightech-Spionage – das ist eine ganz andere Sphäre. Die Stasi aber ist Vorbild für die Arbeit mit Menschen.

ZEIT: Haben die Enthüllungen des Edward Snowden Sie eigentlich überrascht?

Müller-Enbergs: Nein. Unterlagen über die NSA waren bei uns in der Behörde bekannt. Aus ihnen wusste ich, dass die Stasi genau über die NSA-Lauscher informiert war. 1983 war es ihr gelungen, den Unteroffizier "Kid" von der amerikanischen Abhörstation auf dem Westberliner Teufelsberg als Agenten anzuwerben. Der lieferte unter anderem eine 68-seitige Liste mit allen Telefonnummern, die von dort aus abgehört wurden – in Ost- und in Westdeutschland. Die Liste war ein Schatz für die HV A. Denn sie konnte nun nicht nur den Osten vor Lauschangriffen schützen, sondern sich auch auf die interessanten Telefone im Westen setzen, ohne erst umständlich die Rufnummern herausfinden zu müssen. So kam die Stasi offenbar auch an das Funktelefon im Auto des damaligen BND-Präsidenten heran.

ZEIT: 1992 wurde spekuliert, das Innenministerium habe massiven Druck auf die Gauck-Behörde ausgeübt, dieses Papier rauszugeben – ohne auch nur eine Kopie davon zu machen.

Müller-Enbergs: Ich weiß nur, dass die Akten nicht mehr in der Behörde sind. Schade, denn man hätte schon vor mehr als zwei Jahrzehnten die Debatte führen können, was befreundete Staaten dürfen und was nicht.

ZEIT: Was genau war an den Agenten aus dem Osten so gut?

Müller-Enbergs: Die Staatssicherheit suchte ihre Quellen sehr langfristig aus, das konnte bei ihren hauptamtlichen Offizieren schon in den Schulen, ab der siebten Klasse, beginnen. Besonders interessant als inoffizielle Mitarbeiter in Ost und West waren für die Stasi junge Menschen aus gestörten Familien, insbesondere wenn schwierige Vaterbeziehungen zu erkennen waren. Nehmen Sie die Biografien von Ibrahim Böhme oder Wolfgang Schnur, die sicherlich zwei spektakuläre Stasi-Protagonisten in der DDR-Opposition waren. Für sie könnte die Stasi als Ersatzvater fungiert haben.

ZEIT: Die Stasi als große, heile Familie?

Müller-Enbergs: Jedenfalls entstanden sehr enge Beziehungen. Das beobachte ich oft, etwa bei Beerdigungen von Führungsoffizieren, zu denen ich manchmal gehe. Nicht selten sind ihre früheren Quellen auch da. Sie wollen Abschied nehmen. Diese Bindungen reichen noch über die Herbstrevolution hinweg bis nach dem Tod!

ZEIT: Wie kommt das?

Müller-Enbergs: Die Stasi-Offiziere waren psychologisch gut ausgebildet. Sie vermittelten den Agenten das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Sie wussten alles über die materiellen, politischen und persönlichen Interessen ihrer Mitarbeiter – und danach richteten sie sich. Den "Grad der Manipulierung", wie sie es nannten, kalkulierten sie perfekt, wie im Fall eines Kakteenzüchters aus West-Berlin, der per Post mit einem DDR-Bürger in Bernburg Sämlinge tauschte. Die Stasi bot ihm an, er könne seinen Hobbypartner persönlich treffen, sofern er mit ihr kooperierte. Für jeden hatte man die richtige Ansprache, im passenden Dialekt, im passenden Rededuktus. Schon der erste Blick, mit dem man sich einem potenziellen Mitarbeiter näherte, war wohlüberlegt – je nach Typus geschmeidig oder drohend.

ZEIT: Uns hat mal ein prominenter Mann aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung erzählt, wie eines Tages in einem Café eine Frau neben ihm saß, die sein Lieblingsbuch las. So fing es an. Daraus wurde eine Liebesbeziehung. Dass die Dame von der Stasi war, hat er erst später in seiner Akte gelesen.

Müller-Enbergs: Im Ministerium lernte man, wie man ein stabiles Vertrauensverhältnis aufbaut. Man arbeitete insbesondere auf dem Gebiet der Spionage mit Eignungs- und Persönlichkeitsdiagnose, operierte mit einer Art Lügendetektor, "Medium" genannt, um Aussagen über wahrscheinliches zukünftiges Verhalten zu treffen. Für den Fall der Fälle gab es eine spezielle Psychologengruppe.