Udo Reiter hat die Augen geschlossen. Er hat sich in Schwarzweiß fotografieren lassen, wie andere Prominente auch, etwa Konstantin Wecker und Eva Mattes. Am Freitag vergangener Woche, 11 Uhr, werden im Berliner Regierungsviertel die Plakatmotive vorgestellt. Eingeladen hat die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben. "Mein Ende gehört mir!", steht unter den Fotos. Und Udo Reiter, 70, Intendant a. D. des Mitteldeutschen Rundfunks, ist einer der Posterboys dieser Kampagne. Man weiß von ihm, dass er im Rollstuhl sitzt und dass er sich als junger Mann eine Smith & Wesson besorgt hatte, er wollte sich erschießen. In letzter Sekunde hat er damals darauf verzichtet. Trotzdem setzt er sich seit Jahren für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod ein, in Talkshows, mit einem Buch, in Vorträgen und Lesungen.

Es gibt aber etwas, das niemand in dem Saal weiß.

140 Kilometer vom Saal der Pressekonferenz entfernt hat Udo Reiter die Ankündigung vom Plakat bereits in die Tat umgesetzt. Ungefähr zu der Zeit, in der die Pressekonferenz stattfindet, wird er tot auf seiner Terrasse am Leipziger Stadtrand aufgefunden. Die Polizei wird später feststellen, dass er sich umgebracht hat. Mit einer Schusswaffe.

Udo Reiter hat mit seinem Selbstmord die Debatte um das Recht auf ein selbst gewähltes Lebensende in einer Art und Weise zugespitzt, die einen erschrecken lässt. Denn er hat aus der Theorie Praxis gemacht. "Mein Ende gehört mir." Soll das, kann das künftig in Deutschland eine selbstverständliche Möglichkeit sein? Wohl kaum ein anderer Verfechter dieser angeblichen Freiheit hat sein Leben lang so für dieses Anliegen gekämpft wie Udo Reiter, der es nun öffentlichkeitswirksam in die Tat umgesetzt hat.

Eine Woche vor seinem Suizid hatte Udo Reiter noch in der Talkshow von Maybrit Illner gesessen und die Theologin Margot Käßmann verstört mit dem Sarkasmus, dem Witz, aber auch der Härte, in der er über Selbstmorde sprach. "Ich sitze seit 48 Jahren im Rollstuhl", hatte er gesagt. "Trotz Rollstuhl habe ich ein schönes selbstbestimmtes Leben geführt. In meinem Alter fragt man sich dann doch, wie soll das weitergehen? Vor allem: Wie soll’s aufhören? Da bin ich für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eigentlich nicht als Pflegefall enden möchte. Nicht als jemand, der langsam sein Ich verliert, der von anderen dann gewaschen, gebürstet und gewindelt wird, und ich möchte auch nicht als gutmütiger oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern, sondern möchte rechtzeitig sagen können: Es ist sehr schön gewesen, es hat mich sehr gefreut, aber jetzt möchte ich gehen." Dabei lugte er über seine Brille, wie er es immer tat, wenn er etwas Spitzes sagte, er war ein Schelm. Er schaute auch so, wenn er Vorträge vor der Katholischen Bischofskonferenz oder vor Bundestagsfraktionen hielt, stets ging es um seine eine zentrale Forderung: Der Mensch solle frei entscheiden dürfen, wann es an der Zeit sei, Schluss zu machen. Er selbst wollte einen "Cocktail einnehmen" können, wenn er das Gefühl habe, seine Vitalität zu verlieren, einen Cocktail, "der gut schmeckt und mich dann sanft einschlafen lässt".

Udo Reiter war kein sentimentaler Mensch. Den Film Ziemlich beste Freunde nannte er "Gelähmten-Kitsch". Dass er im Rollstuhl saß, erzeugte oft Mitleid – aber nicht selten vor allem bei Reiter selbst, der mitleidig auf verkrampfte Reaktionen seiner Mitmenschen reagierte. Er störte sich keineswegs daran, "Krüppel" genannt zu werden. Er sagte: "Man muss den Rollstuhl zähmen wie ein Torero seinen Stier." Der Rollstuhlfahrer als Rock ’n’ Roller.

Es sind die Umstände um seinen Tod, die nicht nur seine Freunde verstören. Jeder wusste, wie Reiter über das selbstbestimmte Sterben dachte. Aber dass er jetzt schon den Zeitpunkt gekommen sah? Ohne Andeutungen gemacht zu haben? Es mag Zufall sein, jedenfalls fiel der Tag, an dem Reiter seinem Leben ein Ende bereitete, zwischen zwei Großereignisse, die dem Mann viel bedeutet haben. Tags zuvor hatte Leipzig 25 Jahre Friedliche Revolution gefeiert, der Bundespräsident hatte gesprochen. Am folgenden Abend dann fand in dieser Stadt die ostdeutsche Promi-Gala Goldene Henne statt, die Reiter vor zwei Jahrzehnten als MDR-Intendant mit erfunden hatte. Zwischen Gauck und Goldener Henne, so starb Reiter nicht nur, so hatte er auch gelebt.

Das zentrale Paradox aber bleibt: Das Leben dieses Mannes war gewiss kein Argument für Sterbehilfe-Kampagneros. Im Gegenteil. Dieser Mensch, der seinen fest geplanten Tod bereits um mehr als vier Jahrzehnte überlebt hatte, führte ein Leben, das die meisten Fußgänger niemals haben werden. Udo Reiter hat die Wüste Gobi durchquert und den Dalai-Lama im Himalaya besucht. Er war beim Hochseefischen und beim Tiefseetauchen. Er ist Vater geworden und hat nach dem Mauerfall einen Rundfunkkonzern mit Tausenden Mitarbeitern erschaffen. Der Mann, der so früh schon den Tod gesucht hatte, war zu einem Lebemann geworden: Leonard Bernstein gab ihm einen Zungenkuss, Thomas Gottschalk machte mit ihm Party. Wenn der Chef es wollte, tanzte das Fernsehballett an.

Damit ist sein selbst gewählter Tod eine Provokation für die Anhänger wie die Gegner des selbst gewählten Sterbens gleichermaßen: Das stärkste Argument der Befürworter ist stets das unabwendbare große Leid, dem vorgeblich nur durch Suizid ein Ende bereitet werden kann. Dies war bei einem Mann, der eine Woche vorher noch leidenschaftlich in der Fernsehsendung Maybrit Illner stritt, offenkundig nicht der Fall.

Reiters Tat ist aber auch eine Provokation für alle Gegner der Sterbehilfe, die gern implizieren, wer seinem Leben ein Ende setzt, sei oft nicht mehr Herr seiner Sinne. Eben das aber konnte man Udo Reiter schlecht absprechen: dass er genau wusste, was er wollte und was er tat – welche ganz persönlichen Erlebnisse und Gefühle auch immer ihn am Ende zum letzten Schritt bewogen haben mögen.

Udo Reiter war seit einem Autounfall in der Jugend vom fünften Brustwirbel abwärts querschnittsgelähmt. Aber was war er für ein Wilder! Das sagt Thomas Gruber, 71, einer der engsten Freunde. "Ich hab ihm immer gesagt, er ist eigentlich ein Cowboy, ein Abenteurer, der auf seinem Rollstuhl sitzt wie auf einem Pferd, auf einem Mustang, er hätte dem Ding am liebsten die Sporen gegeben. Wie oft hat er seine Rollstühle kaputtgefahren!" Gruber, Intendant des Bayerischen Rundfunks bis 2011, kannte Reiter schon aus dessen Zeit in ebenjener Anstalt, Reiter war BR-Hörfunkdirektor gewesen, bevor er 1991 in den Osten aufbrach. "Udo empfand besonderes Glück", sagt Gruber, "wenn wir zu zweit oder zu dritt oder in noch größeren Gruppen in seine Lieblingsstädte fuhren, Rom, Venedig und Bozen. Überallhin mit dem Rollstuhl, was haben wir ihn über Brücken gezerrt, sein Körper schwankte und bebte, und er hat nur gelacht darüber. So wollte er es." Einmal, sagt Gruber, waren sie bei den Venediger Filmfestspielen, und Reiter wollte von der Rialtobrücke aus eine Regatta sehen, "leider kamen wir zu spät für die erste Reihe, wir standen vielleicht in der zwölften Reihe, es war nichts zu sehen, was machte also Udo? Er ließ sich von mehreren Leuten nach oben heben, über die Köpfe hinweg, und ganz nach vorne durchreichen. Er hat gelacht! Völlig angstfrei war er da oben! Er hatte eine so ungebändigte Lust am Leben, und das war ansteckend." Udo Reiter, König von Venedig, schwebt übers Volk nach vorne. So sah er sich wahrscheinlich selbst am liebsten.

Nie hätte er erwartet, sagt Gruber, dass Reiter sich jetzt das Leben nehmen könnte, so plötzlich: "Ich dachte, ich kenne ihn gut genug."