Der Taxifahrer hat keine Lust auf die kurze Strecke vom Hauptbahnhof in Providence zum Hotel Dean, er wartet lieber auf eine lukrativere Fuhre. Ein mit Einkaufstüten beladener chinesischer Student bietet sich jedoch gleich als Fremdenführer an und läuft voraus. Die Skyline der Hauptstadt des Staates Rhode Island ist spärlich, zu Füßen der Hochhäuser klaffen unverheilte Wunden, die eine fehlgeleitete Stadtsanierung hinterlassen hat. Nur ein paar Straßenblocks mit historischen Industriebauten und Vaudeville-Theatern sind von den Abrissbirnen verschont geblieben. Was früher Kiez war, nennt sich heute Downcity Arts District. Am Rande des nun allzu aufgeräumten Viertels stehen bärtige junge Männer und tätowierte Mädchen vor einem vierstöckigen, kompakten Klinkerbau in der Fountain Street. Keine Gäste von außerhalb, sondern junge Einheimische in modischen Klamotten. Sie rauchen und plaudern – das Dean, den neuen In-Treff mit Bar und Restaurant, haben sie längst für sich entdeckt.

Als das Haus noch Sportsman’s Inn hieß, musste die Kundschaft in der winzigen Diele an einem grimmigen Türsteher vorbei, um in den Stripclub im Erdgeschoss zu kommen. Auch damals konnte man in dem Gebäude schon übernachten, die meisten Gäste mieteten die Zimmer jedoch nur für ein paar Stunden, um sich dorthin mit jenen Damen zurückzuziehen, mit denen sie in der Plüschatmosphäre des Clubs handelseinig geworden waren. Heute wartet in der Diele eine elegante, diensteifrige Schönheit hinter einem hohen schwarzen Pult. Nina Simones Gesang liegt in der Luft, von der Kaffeebar schwebt das Aroma einer frisch gebrühten Bohnenmelange herüber, "Sumatra, Kenia und Äthiopien", verrät der Barista. In der Lounge zwei Stufen höher stehen elegante europäische Vintage-Möbel aus den fünfziger und sechziger Jahren – der Schmuddelladen von einst ist nun ein Boutique-Hotel.

Gerade mal drei Jahre ist es her, dass ein regelmäßiger Besucher namens Cynical K. das bekannteste Stundenhotel von Providence in seiner Online-Rezension mit folgenden Worten bedachte: "Wenn Sie Stil, Zimmerservice und Zimmermädchen, eine Minibar oder gar eine Praline auf dem Kopfkissen erwarten, ist das Sportsman’s Inn nichts für Sie. Wenn Ihnen jedoch nach einem authentisch schmuddeligen Boheme-Erlebnis in klassischer New Yorker Art zumute sein sollte, mit zerbrochenen Fensterscheiben, Feuerleiter und Ausblick auf eine Backsteinmauer, könnte es genau der richtige Ort für Sie sein." Wer ein Souvenir mitnehmen wollte, hatte die Wahl zwischen einem Aschenbecher aus Presspappe und einem durchsichtigen Scheibchen Kernseife, notierte K. gewissenhaft. Jetzt sind die dünnen, von Zigarettenglut durchlöcherten Laken durch feine Leinenwäsche ersetzt. Die Mafiosi, die den Stripclub zu ihrem Stammlokal erkoren hatten, sind verschwunden. Und mit ihnen auch die gelegentlichen Schießereien: Im Netz finden sich etwa Gerichtsakten eines Prozesses, in dem der Stammkunde Gilberto Vasquez das Inn verklagte, weil ihn vor dessen Tür einige Schüsse um zwei Uhr nachts zum Querschnittsgelähmten machten. Heute ist es um diese Stunde sehr still.

Bevor das Haus in der Fountain Street von der Halbwelt regiert wurde, erlebte es tugendhaftere Jahre. Es wurde 1912 von der Episkopalkirche als Mission für die Armen errichtet, und diese Kargheit sitzt dem würdigen Gebäude bis heute in den Knochen. Mit seinem neuen Namen – The Dean, "der Rektor" – bezieht sich das Hotel zwar auf die sieben zum Teil hoch angesehenen und recht teuren Colleges von Providence. Die ursprüngliche Bescheidenheit eines Refugiums für Gestrandete wurde jedoch respektvoll restauriert: Der schlichte, klein gekachelte Fußboden etwa, der sich unter etlichen Linoleumschichten verbarg, wurde im Zuge der 1,4 Millionen Dollar teuren Renovierung mit der gleichen Behutsamkeit freigelegt wie ein römisches Mosaik. Und auch der knappe Grundriss der 52 engen Zimmer, die später das passende Format für schmucklosen, kurzen Sex hatten, blieb unangetastet.

Während die Anklänge an die fromme Frühzeit des Hauses rein baulicher Natur sind, kokettiert das Dean ironisch mit seiner sündigen Vergangenheit. Auf dem Weg ins Zimmer spielt auf dem Treppenabsatz einer jeden Etage ein Neonschriftzug mit Zweideutigkeiten: "First Times" leuchtet es noch optimistisch im ersten Obergeschoss, "Time for another" ermutigen die gelben Buchstaben auf der nächsten Etage, gefolgt von der Warnung "Last Chances" im dritten Stock. Das kalte blaue Licht fällt vom Flur durch eine offen stehende Tür in eine Kemenate mit Doppelstockbett, in der sich vier Frauen auf ein Fotoshooting vorbereiten: ein Kaschmirtop wird mit dem Dampfbügeleisen geglättet, das Make-up für die Models ausgesucht. "Fast so cool wie New York" findet die Fotografin das Dean, "und billiger als Boston". Die aktuellen Preise unterscheiden sich in der Tat kaum von den günstigen Tarifen des Sportsman’s Inn, eines bis zu seinem Ende übrigens völlig legalen Geschäfts: In der Hauptstadt des puritanischen Bundesstaates Rhode Island wurde die Prostitution hinter verschlossenen Türen erst vor wenigen Jahren verboten.

Die Stripperinnen des Sportsman’s Inn hingegen hätte die neue Gestaltung der Zimmer vermutlich nicht beeindruckt: Es dominiert ein herber Stil, viele Materialien wurden wiederverwertet, etwa die alten Holzfußböden. Neuauflagen von Edisons ersten Glühbirnen, in deren großen Glasgehäusen die Kupferdrähte glimmen, hängen von der Decke, metallgerahmte Spiegel an den Wänden. Sinn für Opulenz hatten die Gestalter nicht, eher für gepflegte Patina und minimalistische Leere. Die Damen von damals hätten bestimmt für mehr Rokoko gestimmt.