Er ist unerwünscht auf der Buchmesse: "Über den Zaun geklettert. Von einem Wachmann rausgeführt worden. Ihm 4,6 % vom Nettoerlös des Manuskripts geboten. Wollte nicht", so twittert @bastseller von den Frankfurter Hallen. Später versucht er es wieder, jetzt als Finne: "Einen Ehrengast werden sie kaum rauswerfen", aber seine Versuche, auf der Buchmesse ein Manuskript an den Verlag zu bringen, sind erfolglos. Die Szenen seines Scheiterns teilt Hans Bastseller über den Kurznachrichtendienst Twitter. Bastseller gibt es nicht wirklich, er ist eine fiktive Figur und Teil des ersten "Twitteratur"-Festivals Deutschlands. Die Frankfurter Buchmesse kooperierte dieses Jahr mit Twitter und ließ Autoren unter dem Hashtag #Twitteratur "Kurzromane" twittern. Hinter dem Account von Hans Bastseller etwa steckte der Schriftsteller Falko Löffler. Zoë Beck und Anne Wizorek berichteten mit dem eigenen Account, sie fingen Beobachtungen und Zitate ein, die kleine Geschichten erzählten: "Mausilein, komm mal mit, da geht’s um eBooks und so was. Hörst für mich zu, ja?" Und Psaiko.Dino, der DJ von Cro, der über selbigen auch ein Buch geschrieben hat, kommentierte das Buchmessengeschehen so, wie es sich für einen Musiker wohl darstellt: "reden. reden. reden".

Die Idee, dass Twitter literarisches Potenzial birgt, ist nicht neu. Nur worin es genau liegt, scheint noch unklar. Dass die Beschränkung auf 140 Zeichen tolle Wortkunst hervorzwingen kann, ja dass der Aphorismus erst in Twitter sein ideales Medium gefunden hat, ist fast Konsens. Und leider konzentrierten sich auch die Buchmessen-Twitterer größtenteils darauf, nette Kürzestbotschaften zu formulieren. Dabei ist das, was Twitteratur zu einem neuen Genre machen kann, nicht die Kürze, die im Grunde nicht neu ist (auch Haiku, Epigramm und Aphorismus sind ja kurz), sondern vor allem die dem Medium eigene Funktionsweise, die beinahe sämtliche Möglichkeiten des Schreibens im Netz versammelt.

Da sind der dramatische Echtzeitmodus, Verlinkungen, Co-Writing, Bilder und Videos, der Gebrauch von @, # und RT, nonlineares Erzählen. Es ist der Performance-Charakter, wenn für fiktive Figuren Accounts erstellt werden, die miteinander agieren, und kein Autor mehr sichtbar ist. Treten Leser mit diesen Figuren in Kontakt, werden sie Teil der Geschichte; das Netz unterscheidet nicht – und schafft eine Fiktion, die in einem neuen Verhältnis zur Realität steht. Auf der Website des amerikanischen Twitterfiction-Festivals kann man gelungene Beispiele lesen. Weniger der Inhalt als die Art, wie wir ihn rezipieren können, bewirkt ein neues, hochimmersives Erleben der Erzählung. Twitteratur, die über eine aphoristische Liveticker-Poetik hinausgeht, kann also ziemlich großartig sein.