In der Donezker Volksrepublik herrscht eigentlich Frieden, aber es ist wie Krieg. Bis vor einigen Monaten war Donezk ukrainisch, aber die Ukraine ist jetzt der Feind. Junta nennen sie hier die Regierung in Kiew, Faschisten, Kindermörder. Am Stützpunkt am Rande der Stadt sind Fahnen von "Neurussland" aufgesprüht, Bergarbeiter schultern ihre Kalaschnikow und sichern die Grenzen ihrer selbst ernannten Republik. Die Kämpfer nennen sich "Führer", "Schutzwall" oder "Hacker". Sie kommen aus einer Kohlestadt in der Nähe, gleich ist Wachablösung. Ein Krankenwagen, den sie zum Militärfahrzeug umfunktioniert haben, wird sie für zwei Tage nach Hause bringen, bevor es wieder zurückgeht an die Front.

"Führer" kontrolliert unsere Akkreditierungen mit dem doppelköpfigen Adler, dann sagt er auf Russisch: Bringt euch in Sicherheit, gleich geht es los. In ein paar Minuten werden die Ukrainer antworten.

Antworten?

Unser Fahrer tritt aufs Gas, wir rasen vorbei an einem ausgebombten Markt, an einer ausgebrannten Kirche, in Schlangenlinien umfahren wir die Raketen, die im Straßenasphalt stecken, dann kommen wir an einem Schutzbunker aus den sechziger Jahren an. Schon hören wir den Hall der ersten Geschosse. Etwa 20 Kämpfer der Donezker Republik beschießen in der Nähe die ukrainischen Stellungen mit Mörsern, einige rennen zum Bunker, als die Ukrainer zurückschießen.

Wir steigen die Treppe vier Meter unter die Erde herab, es kracht, einmal, zweimal, ein drittes, fünftes, sechstes Mal. Frauen zerren die schwere Metalltür des Bunkers zu, rufen die Kinder zu sich, aber die hören nicht, sie zucken nicht einmal zusammen. Das Grollen über ihren Köpfen ist so gewöhnlich geworden wie das Aufstehen am Morgen, so lästig wie das Husten in der klammen Kälte am Abend, wenn sich gut 100 Menschen in ihre Decken wickeln und auf zu Betten zusammengeschobenen Bänken aneinanderdrängen. Bis vor Kurzem waren es noch zwei Bänke je Familie, vier Menschen auf 1,80 Metern. Die Männer wagen sich wie Halbstarke hinaus aus dem Bunker, rennen dann doch zurück, und drinnen sitzen die Frauen den Tag ab.

Es herrscht Waffenruhe zwischen der Donezker Volksrepublik und der Ukraine, von höchster Stelle angeordnet, aber tagein, tagaus geht das so mit den Einschlägen. Mal schießen die Ukrainer, dann wieder die Kämpfer der Donezker Volksrepublik, in diesem mit Lügen gespickten Krieg hat niemand mehr den Überblick, was Angriff und was Gegenwehr ist. Fast 4000 Menschen sollen in diesem Krieg gestorben sein, Hunderttausende haben ihre Häuser verlassen, allein aus der Millionenstadt Donezk soll gut ein Drittel der Einwohner geflohen sein.

Offiziell war die russische Armee an diesem Krieg nie beteiligt, und doch wurden immer wieder ihre Soldaten auf ukrainischem Boden festgenommen. Offiziell herrscht seit Anfang September Frieden, und doch dröhnt über allem das Krachen schwerer Artillerie. Offiziell gibt es eine Republik, die sich auf ihre ersten Wahlen zur Eigenständigkeit vorbereitet, und doch haben die Menschen keine Antworten auf wesentliche Fragen: Wer trägt die Verantwortung und wer die Schuld an ihrer Situation? Wer wird sie entschädigen und wer für sie sorgen? Entsteht ein Staat oder nur die Illusion davon?

Im Bunker ist das Licht schwach und gelblich, es riecht nach Krankheit, rostige Schächte leiten dürftig Luft von draußen hinein. Strom haben sie erst seit zwei Wochen, davor saßen sie im Dunkeln. Zu Kellermenschen sind sie geworden, die Gesichter bleich, der Husten schmerzend. Ihr Wasser erhitzen sie auf einer Feuerstelle vor der Tür, sie waschen sich in kleinen Plastikwannen. Die Älteste hier ist eine Frau von 83 Jahren, die meistens auf einer Bank liegend vor sich hindämmert und stöhnt. Der Jüngste ist Sascha, ein Jahr und acht Monate alt. Ein Kind des Krieges, sagt seine Großmutter, und Sascha rast auf seinem Bobbycar über das abgenutzte Laminat. Sie sind hierhergeflohen, als die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den Donezker Kämpfern ihre Dörfer, die meisten nun in der Hand der Ukrainer, verwüsteten.