An dem Tag, an dem ich mit Konrad Adam in Frankfurt verabredet bin, nennt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble die AfD zum ersten Mal "eine Schande für Deutschland". Konrad Adam ist 72 Jahre alt. Er war 28 Jahre lang Feuilletonredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein geschätzter Experte für Bildungsfragen, ein leidenschaftlicher Kritiker der Hochschulreformen. Er liebt die Antike, die unberührte Natur, die Dunkelheit und die Stille des Waldes. Dass es in Deutschland davon immer weniger gibt, gefällt ihm nicht. Wie ihm überhaupt sehr vieles in Deutschland nicht gefällt. In den Büchern, die er zu Hause in Oberursel schreibt, rechnet er mit dem technischen Zeitalter ab. Er schreibt dann Sätze wie: "Vertraut ist uns nur noch das Wenigste von dem, was uns umgibt, gerade das Nächste ist uns fremd geworden." Auch die Bundesrepublik ist ihm inzwischen fremd geworden. Deshalb hat er gemeinsam mit Bernd Lucke und Alexander Gauland die Alternative für Deutschland gegründet. Und nun ist er also – eine "Schande für Deutschland"?

Die Partei ist noch jung, gerade anderthalb Jahre alt. Zunächst hat sie niemand richtig ernst genommen. Ihr Vorsitzender Bernd Lucke durfte nach der Bundestagswahl bei Jauch nur aus dem Strafraum der Zuschauerbänke mitdiskutieren. Die Bild -Zeitung nannte die Partei "die Euro-Hasser". Bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg erhielt sie in diesem Jahr dann aber zweistellige Ergebnisse und zog in die Landesparlamente ein. Jetzt braucht die Partei, von der man wenig mehr weiß, als dass sie die europäischen Krisenländer aus dem Euro entlassen und die Einwanderung stärker regulieren möchte, plötzlich ein Vollprogramm. Ich frage die Intellektuellen der Partei, den brandenburgischen Landesvorsitzenden Alexander Gauland, den stellvertretenden Sprecher in Baden-Württemberg Marc Jongen und den AfD-Sprecher Konrad Adam. Ich möchte wissen: Was für ein Deutschland entsteht gerade in den Köpfen der Denker der AfD? Welchen geistigen Werten, welchen Idealen sind sie verpflichtet? Auf welchen Fundamenten bauen sie ihre neue Partei?

Über die Schöne Aussicht am Frankfurter Mainufer braust dreispurig der Verkehr, im Café des Literaturhauses dudelt die unvermeidliche Musik, begleitet von temperiertem Kaffeemaschinengegurgel. Konrad Adam ist ein zuvorkommender und kultivierter Mann, der ein bisschen so aussieht, wie Roger Willemsen in zwanzig Jahren aussehen könnte, und der auch genauso hellwach und druckreif spricht wie dieser, aber bei Weitem nicht so Willemsen-mäßig gut gelaunt ist. "Was bleiben wird von unserer Kultur", sagt er und sieht traurig hinaus auf die Schöne Aussicht von Frankfurt, "das sind große Berge von Müll."

Die neue Partei ist überzeugt, dass in Deutschland Grundsätzliches aus dem Ruder laufe und dass die etablierte Politik und die etablierten Medien ihre Abnehmer seit Langem nicht mehr erreichten. Für diese Fundamentalkritik erntet sie viel Hohn. Die Geschichte der Bundesrepublik, das ist die Lesart, auf die sich die deutschen Kultureliten geeinigt haben, ist eine Erfolgsgeschichte. Die Letzten, die an den tiefen Stellschrauben der Republik noch herumschrauben wollten, waren die 68er. Doch nachdem aus den Steinewerfern Zehlendorfer Villenbesitzer geworden waren, kehrte auch an dieser Front Ruhe ein.

Jetzt sind es grauhaarige Konservative, die nach Alternativen für das selbstzufriedene Land suchen, ältere Herren, die in Oberursel oder Potsdam einen friedlichen Lebensabend verbringen könnten, wenn sie das inhaltslose Vorsichhinregieren in Berlin nicht so aufbringen würde. Konrad Adam sagt es so: "Die Parteien führen ein Eigenleben und wissen nicht mehr, was passiert. Ihre Beute, die Mandate, bekommen sie unabhängig von der Wahlbeteiligung. Selbst wenn die auf fünf Prozent sinken würde, bliebe die Zahl der Sinekuren gleich. Das wissen sie und nehmen das Volk nur noch bedingt ernst." Es ist vor allem das Postenwesen im Parteienstaat, das ihn erzürnt. Schon vor der Parteigründung kämpfte er daher dafür, dass die parlamentarische Demokratie durch direktdemokratische Methoden ergänzt werden müsse. Gemeinsam mit Ultralinken ist er an der Bewegung "Mehr Demokratie" beteiligt.

Das ist eine der größten Merkwürdigkeiten, die die Gründung der AfD begleiten: Es fällt schwer, zu bestimmen, wo die Partei sich gemäß der vertrauten politischen Gesäßgeografie ansiedelt. Eher rechts oder eher links von der Mitte? Ihre Forderung nach einer qualifizierten Einwanderung könnte man für rechts halten. Ihre Kritik an der Euro-Rettungspolitik teilt sie jedoch mit der Linken im Bundestag und in Griechenland. Ihr Eintreten für das Betreuungsgeld und die Ablehnung der Frauenquote darf man rückschrittlich nennen. Der Plan, das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting zu ersetzen, ist eher fortschrittlich. Ihren Kampf für den Natur- und Heimatschutz, gegen die Großtechnologie und gegen die Freihandelsabkommen mit den USA könnte man für grün halten. Wohingegen das Festhalten an der klassischen Familie und altbürgerlichen Lebensformen sowie ihre Ablehnung des neobürgerlichen Lifestyles in Berlin-Mitte eine genuin konservative Position wäre.

Doch diese Verwirrung lässt sich erklären. Früher, als die politischen Lager noch so ordentlich wie das ZDF-Fernsehballett in Reih und Glied standen, dichtete Ernst Jandl, "lechts und rinks / kann man nicht velwechsern". Heute wird allgemein beklagt, dass die Parteien zum "Velwechsern" ähnlich geworden seien. Die AfD versucht, dieser liberalen Elastizität politischer Positionen einen gleichsam naturbelassenen Konservatismus entgegenzusetzen. Man sei weder rechts noch links, sondern eine Partei des gesunden Menschenverstandes, gab Bernd Lucke unlängst zu Protokoll.