DIE ZEIT: Herr Holenstein, im Februar sagten die Schweizer Ja zur SVP-Initiative, Ende November kommt die Ecopop-Vorlage vors Volk: Wendet sich das Land von der Welt ab?

André Holenstein: Die Kreise, welche diese Initiativen lancieren, vertreten ein Schweizbild, das davon ausgeht, dass es dem Land immer dann am besten ging, wenn es möglichst wenig mit dem Umfeld zu tun hatte.

ZEIT: Ist dieses Denken etwas Neues in der Schweizer Geschichte?

Holenstein: Nein, das liegt in den Genen dieses Landes. Seit dem 15. Jahrhundert schöpft es seine Identität aus einem starken mentalen Abgrenzungsdiskurs. Berühmter Auftakt ist der Gründungsmythos, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entsteht, im Rückblick auf angebliche Ereignisse aus dem Jahr 1307/1308. Er besagt: Die freien Bauern in den Waldstätten wehren sich gegen die Tyrannei der bösen adligen fremden Vögte.

ZEIT: Christoph Blocher hat also recht, wenn er sagt: "Die Geschichte der Schweiz ist eine fortwährende Geschichte des Freiheitskampfs gegen Anfeindungen von außen"?

Holenstein: Das ist ein Teil der Wahrheit. Aber nur ein kleiner, den man nicht für sich stehen lassen kann. Was Christoph Blocher nicht müde wird zu wiederholen, ist die Art, wie das Land seit Jahrhunderten über sich nachdenkt. Es denkt in Abgrenzungskategorien, weil ihm wesentliche Anknüpfungspunkte für die Definition einer nationalen Identität fehlen, die andere europäische Länder haben: Die Schweiz findet ihre Identität weder in der Rasse, der Ethnie oder der Konfession noch in der gemeinsamen Kultur oder in der Unterordnung unter eine monarchische Dynastie. Also muss man nach einer anderen Klammer suchen.

ZEIT: Welchen Aspekt vergisst Blocher denn?

Holenstein: Das, was dieses Land nicht denkt, sondern macht: die Verflechtung mit dem Ausland. Ich sehe im Rückblick keine Situation, in der die Schweiz dezidiert und ohne Not einen isolationistischen Kurs gefahren wäre. Was heute passiert, ist sehr unschweizerisch.

ZEIT: Aber unser Abgrenzungsdenken ist im wahrsten Sinn des Wortes in Stein gemeißelt. Auf der Bundeshausfassade lesen wir zwei Jahreszahlen: 1291 und 1848.

Holenstein: Der Bundesstaat von 1848 wird als natürlich-organisches Produkt einer jahrhundertelangen Entwicklung dargestellt. Und mit ihm seine drei zentralen Staatsmaximen: Souveränität, Neutralität, Föderalismus. Von diesem Endergebnis aus konstruierte man eine Genese. Wenn man so vorgeht, schlägt man Schneisen in die Vergangenheit und sucht nach jenen empirischen Zeugnissen, welche die eigene Erzählung bestätigen. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet. Das Bundeshaus ist ein fantastisches Denkmal für diese Bundesideologie.

ZEIT: Gehen wir eine dieser Schneisen zurück: Nächstes Jahr feiern wir 500 Jahre Schlacht von Marignano. Der Ursprung der Schweizer Neutralität?

Holenstein: Die vaterländische Geschichtsschreibung wird nicht müde, zu erzählen, nach der Niederlage in Marignano seien die Eidgenossen zur Besinnung gekommen, weil sie sich daran erinnerten, dass ihre Vorväter eigentlich nie außerhalb des eigenen Landes Krieg geführt, sondern nur die eigene Freiheit gegen Angriffe von außen verteidigt hätten. Das Problem ist: 1515 ist nicht das Ende der Verflechtung mit dem Ausland. Von da an vernetzten sich die Kantone mit den europäischen Mächten. Nicht mehr mit einer anarchisch-chaotischen Reisläuferei, sondern auf eine schon fast völkerrechtlich geordnete Art und Weise – mit sogenannten Soldallianzen. Ein Modell, das bis in die Revolutionszeit Ende des 18. Jahrhunderts funktionierte.

ZEIT: Die Soldverträge sind also das Geschäftsmodell der alten Eidgenossenschaft?

Holenstein: Die Söldner waren nur ein Aspekt der Allianzen. Gerade so wichtig war die Sicherheitspolitik: Die Allianzpartner garantierten sich gegenseitig Nicht-Angriff und Unterstützung im Fall eines Angriffs von Dritten. Dazu kamen Zoll- und Handelsprivilegien sowie ab einem bestimmten Zeitpunkt die politisch subventionierten Salzlieferungen, die Kantone wie Freiburg in eine enge Abhängigkeit von Frankreich brachten.

ZEIT: Wieso ist gerade Salz so wichtig?

Holenstein: Das Vieh braucht Salz – und vor allem die Käseproduktion verschlingt enorme Mengen. Die Salzvorkommen, die man heute in der Schweiz kennt, entdeckte man erst im 19. Jahrhundert.

ZEIT: Wie kamen die Schweizer auf die Idee, ihre Käsewirtschaft anzukurbeln, mit der man sich doch vom Ausland abhängig machte?

Holenstein: Aufgrund einer Analyse von Marktchancen. Die Bergbauern merkten, dass in ihrem weiteren Umfeld Entwicklungen stattfanden, welche Fleisch und Käse zu interessanten Exportartikeln werden ließen. Gerade in der Innerschweiz, wo die Umstellung der Landwirtschaft bereits im Spätmittelalter stattfand, kannte man die Verhältnisse in Oberitalien. Krieger aus den Waldstätten waren seit dem 13. Jahrhundert in Solddiensten dort unten präsent, die kannten Mailand.

ZEIT: Viele Alpenbewohner zog es selbst ins Unterland. Was trieb sie dazu?

Holenstein: Sie kannten die Geschäftsbedingungen. Die Bündner zum Beispiel schlossen mit der Republik Venedig im 17. Jahrhundert eine Soldallianz, und darin war auch das Recht verbrieft, in Venedig Geschäfte machen zu dürfen. Es ließen sich sofort Hunderte von Bündnern dort nieder. Und weil der Ausschank von Kaffee noch nicht durch das einheimische zünftische Gewerbe besetzt war, eröffneten die Bündner Kaffeehäuser und boten dazu Konfekt an. Bündner Zuckerbäcker machten später Karriere bis nach Russland.