Bei Jugendlichen und ihren Eltern hat sich rumgesprochen, dass sich ein Studium fast immer auszahlt.

DIE ZEIT: Herr Wolter, die Anfängerzahlen an den Unis steigen Jahr für Jahr. Sind wir einem Akademisierungswahn verfallen?

Andrä Wolter: Mit Wahn verbinde ich einen pathologischen Zustand. Ich kann nicht erkennen, was schlecht daran ist, wenn mehr Menschen als früher eine bessere Bildung anstreben – zumal Bildung ein Menschenrecht ist.

ZEIT: Weil sie vielleicht gar nicht besser ist.

Wolter: Legt man objektive Kriterien wie den Verdienst oder die Jobaussichten an, dann hat sich die Entscheidung für ein Studium für den einzelnen bislang fast immer ausgezahlt. Das hat sich bei Jugendlichen wie Eltern herumgesprochen.

ZEIT: Hat Sie der rasante Anstieg der vergangenen Jahre nicht dennoch überrascht?

Wolter: Nur was das Tempo angeht, nicht was die Tendenz betrifft. Seit den fünfziger Jahren steigt die Zahl der Studierenden kontinuierlich. Sieht man über temporäre Spitzen und Täler hinweg, beschreibt die Studienanfängerquote seit 1950 fast eine gerade aufsteigende Linie, und zwar ohne dass hinter dem Trend immer ein ausdrücklicher politischer Wille stand.

ZEIT: Das hört sich wie ein gesellschaftlicher Automatismus an.

Wolter: In der Tat vollzieht sich das Wachstum mit einer gewissen Eigendynamik, die bereits in der Schule beginnt. Nicht nur die Gymnasialquote ist ja stark gestiegen, auch die Erfolgsquote. In den fünfziger Jahren schaffte es nur jeder zweite Gymnasiast bis zum Abitur, heute sind es sehr viel mehr. Zudem treibt noch ein anderer Faktor die Entwicklung an. Akademikereltern wünschen sich Akademikerkinder oder anders ausgedrückt: Akademische Bildung will erhalten bleiben.

ZEIT: Bedeutet das, der Trend zur Uni ist unumkehrbar und wird sogar noch anhalten?

Wolter: Bislang ist die Studierquote, kurze Phasen ausgenommen, niemals zurückgegangen, auch wenn es seit den fünfziger Jahren immer wieder Vorhersagen gab, dass die Zahl der Studenten jetzt aber endgültig den Zenit erreicht habe. Ob das auch in Zukunft so sein wird, wissen wir aber nicht.

ZEIT: Dann spekulieren Sie ein bisschen.

Wolter: Ein Szenario ist, dass Studieren unattraktiver werden könnte, weil – ökonomisch gesprochen – die Erträge langfristig sinken. Es könnte also sein, dass die gesellschaftliche Nachfrage nach Hochschulbildung schneller steigt als der wachsende volkswirtschaftliche Bedarf. Es gibt aktuell leichte Anzeichen dafür, dass Hochschulabgänger etwas länger als früher brauchen, einen Job zu finden, der ihren Erwartungen entspricht. Gerade manche Bachelorabsolventen klagen darüber, dass ihr Job unter ihrem Ausbildungsniveau bleibt.

ZEIT: Das könnten aber auch Anlaufprobleme des Bachelors sein.

Wolter: Deshalb erscheint es ebenso plausibel, dass der Akademikerbedarf noch weiter steigt. Dafür spricht, dass in vielen Branchen ein Generationswechsel ansteht. Gleichzeitig werden die Anforderungen an die Qualifikationen weiter wachsen.