In Meliandou, Guinea, sprang die Seuche auf den Menschen über. Erst als Biologen und Forscher aus aller Welt das Dorf besuchten, erfuhren die Bewohner, was Ebola ist. © Amrai Coen

Schwitzend und leise fluchend, einen steilen Berg hinauf, vorbei an Gestrüpp und Plastikmüll, läuft Kadiatu Lansana einer Seuche hinterher, die sie nicht aufhalten kann. Die Mittagshitze drückt auf den Slum, in dem die junge Frau unterwegs ist. Von hier oben öffnet sich der Blick auf Freetown, die Hauptstadt Sierra Leones, die seit drei Monaten bedroht ist von – ja, wovon eigentlich? Einem Feind? Einer Naturgewalt? Einer unsichtbaren, ungreifbaren Gefahr?

Drei Uniformierte, die über den Eingang zu einer Gasse wachen, räumen einen Baumstamm zur Seite, und Kadiatu Lansana betritt die Quarantänezone – nicht mehr als ein paar Wellblechhütten. Die Seuche sortiert die Stadt neu, sie trennt Nachbarn von Nachbarn, sichere Straßen von Risikovierteln, und Kadiatu Lansana und andere Helfer üben in diesem Chaos eine Art Detektivdienst aus. Erkrankt oder stirbt irgendwo in der Millionenmetropole ein Mensch an Ebola, dann sollen sie jeden unter Aufsicht stellen, der Umgang mit ihm hatte. Sie sind, in der Sprache der Seuche, die längst jeder in Freetown spricht, contact tracers.

An der ersten Hütte bleibt Kadiatu Lansana stehen. Dort läuft ein Mann vor seiner Tür hin und her wie ein Häftling in seiner Zelle. Der Mann heißt Shernor Barrie. Er ist 27 Jahre alt.

"Wie geht es dir heute, Shernor?", ruft Kadiatu Lansana, wobei sie einen Sicherheitsabstand von mehreren Metern einhält.

"Körperlich okay", antwortet Shernor Barrie.

Vor zwei Wochen ist sein Vater gestorben. Männer in Schutzanzügen holten die Leiche ab, am Tag darauf versperrten Soldaten den Zutritt zum Viertel. Jetzt darf drei Wochen lang niemand die Hütten verlassen. Das Virus hält zwei Dutzend Menschen gefangen.

Shernor Barrie fragt sich, ob auch in seinem Körper dieses Ding steckt, dessen Namen er nicht aussprechen mag. Abends, vor dem Einschlafen, denkt er darüber nach, wie es wäre, als Todkranker aufzuwachen. Seine Überlebenschancen lägen dann, statistisch gesehen, bei knapp 30 Prozent. Barrie weiß, gegen Ebola gibt es keine Medizin. Er zählt die Tage und Stunden, bis er wieder über sein Leben verfügen kann; oder bis ihn die Symptome überfallen, nach denen Kadiatu Lansana ihn jeden Tag fragt.

"Kopfschmerzen?"

"Nein."

"Fieber?"

"Nein."

"Durchfall oder Erbrechen?"

"Nein."

Allein in Freetown stehen in diesen Tagen Zehntausende Menschen unter Quarantäne wie Shernor Barrie, und viele Hunderte versuchen den Überblick zu behalten wie Kadiatu Lansana, die ihren Job als Krankenschwester kündigte, um gegen Ebola zu kämpfen. Sie glaubt, der Kampf werde unter freiem Himmel entschieden, in den Straßen und Hinterhöfen, und sie weiß selbst, es sieht nicht gut aus. Viel mehr Menschen müssten unter Quarantäne stehen, viel mehr contact tracers sollten unterwegs sein.

Nirgendwo im Land verbreitet sich Ebola schneller als in den dicht besiedelten Vierteln der Hauptstadt. Hier sterben jeden Tag mehr Menschen als am Tag davor, alle vier Wochen verdoppelt sich die Zahl der Infektionen, und jeder Patient gibt das Virus im Schnitt an zwei Mitmenschen weiter.

Bei Shernor Barries Vater waren es mehr als zwei. Im Haus wohnten auch Shernors Mutter, die beiden Schwestern, der kleine Bruder Ibrahim, acht Jahre alt. Die Familie teilte sich zwei Zimmer. Eine Woche nach dem Tod des Vaters fühlten sich die Schwestern und die Mutter müde, Kadiatu Lansana rief einen Krankenwagen, und das Letzte, was Shernor Barrie von ihnen hörte, war die Nachricht, sie seien positiv getestet worden. Shernor Barrie blieb zurück mit dem kleinen Ibrahim.

Dann sagte Ibrahim, ihm tue es innen weh. Er schlang die Arme um seinen Oberkörper. Als Kadiatu Lansana an diesem Tag zu Besuch kam, setzte sie auf ihrem Diagnosezettel ein Kreuz in dem Kästchen "Gliederschmerzen". Shernor Barrie wählte die Ebola-Notfallnummer 117, aber es kam kein Krankenwagen.

Am Tag darauf machte Kadiatu Lansana ein Kreuz in dem Kästchen "Fieber". Ibrahim wünschte sich eine Cola, Shernor Barrie gab sie ihm. Unter der Nummer 117 nahm niemand ab. Shernor Barrie streifte sich Plastiktüten über die Hände und wusch seinem Bruder das Gesicht.

Tag drei, "Erbrechen und Fieber". Kadiatu Lansana konnte nichts tun, außer ihren Zettel auszufüllen. Unter 117 hieß es, man werde einen Krankenwagen schicken. Während Shernor Barrie mit der Bürokratie der Seuche rang, lag Ibrahim allein in einem Zimmer. Shernor versorgte ihn durch eine Luke, aber Ibrahim aß und sprach nicht mehr.