Verzweifelte Krankenschwestern, abergläubische Reisbauern und ein Dorf im afrikanischen Regenwald, wo die Seuche ihr erstes Opfer fand: Die ZEIT-Reporter Amrai Coen und Malte Henk sind dem Weg der Ebola-Katastrophe bis an ihren Ursprung gefolgt. In der aktuellen Ausgabe der ZEIT erzählen sie erstmals die ganze Geschichte des tödlichen Virus. Als sie dann aber von ihren gefährlichen Reise zurückkehrten, war ihr Abenteuer jedoch noch nicht zu Ende. 

Wenn dieser Artikel erscheint, sind wir seit elf Tagen zurück in Deutschland. Elf Tage, in denen unser Leben geschwankt hat zwischen Anfällen von Hypochondrie, dem Erstaunen über die Angst, die wir bei Freunden und Kollegen auslösen, und einem letzten bisschen Alltag. 21 Tage, sagen Mediziner, kann es dauern von der Ansteckung mit Ebola bis zum Ausbruch der Krankheit. In Sierra Leone und Guinea haben wir fünfzigmal am Tag unsere Hände desinfiziert, wir haben niemanden berührt und keinen Kontakt mit Kranken und Toten gehabt. Verglichen mit dem Einsatz von Ärzten und Pflegern, war unsere Recherche ein Spaziergang. Deshalb müssen wir die drei Wochen nach unserer Rückkehr nicht in Quarantäne verbringen.

Wir haben uns erkundigt, bei Tropeninstituten und Gesundheitsämtern, und die Fachleute sind sich einig: Unser Leben kann normal weitergehen. So halten es auch Virologen, Mitarbeiter internationaler Organisationen, Geschäftsleute, die ständig hin und her fliegen. Menschen, die an Ebola erkranken, sind erst ansteckend, wenn sich Symptome zeigen. Dann müssen sie sich sofort beim Arzt melden. Auch für uns gibt es kein Nullrisiko. Wir sind jetzt eine Gefahr für unsere Mitmenschen, wenn auch eine äußerst geringe. Damit geht jeder anders um.

Einige Freunde umarmen uns wie gewohnt, andere weichen uns aus. Es gebe "Bedenken" gegen unsere Rückkehr in die Redaktion, hören wir – Kollegen streiten darüber, ob wir ins Büro gehen dürfen. Am Ende heißt es, wir seien willkommen. Wir sollen nur: nach der Benutzung die Toilette desinfizieren; nicht den Fahrstuhl und die Kantine betreten; uns niemandem auf mehr als zwei Meter nähern. Die Grenze zwischen Vorsorge und Hysterie ist schmal. Wir werden gefragt: "Was passiert mit uns, wenn einer von euch plötzlich krank zusammenbricht?" Einige scheinen zu denken, wir seien ansteckend, nur weil wir in Westafrika waren.

So wird man sein eigener Fall. Man misst zehnmal am Tag seine Temperatur. Man konstruiert Gedankenketten: Habe ich nicht doch in Sierra Leone versehentlich einen Fremden berührt? Habe ich mir nicht danach an die Nase gefasst? Sind vielleicht auf diesem Weg ein paar Viren in meinen Körper ...? Unsere Mitwelt hilft uns dabei, das Restrisiko nicht zu unterschätzen. Nachbarn bitten darum, die Klinke der Haustür nicht zu berühren. Bekannte sagen den geplanten Besuch ab, "wegen Ebola-Alarm". Und eine Mitbewohnerin schickt eine SMS: "Ich bin ein paar Wochen weg. Hat aber wirklich nichts mit Dir zu tun." Als weiße, bislang gesunde Westdeutsche aus der Mittelschicht machen wir zum ersten Mal eine interessante Erfahrung: wie es sich anfühlt, zur Kaste der Unberührbaren zu gehören. Noch zehn Tage.

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