An deutschen Unis studieren so viele wie nie. © Uwe Zucchi/dpa

Die Universität ist kein Hort der Elite mehr, das ist aus vielerlei Gründen zu begrüßen. Doch darf sie es sich leisten, die künftige Elite zu ignorieren? Wenn die Hälfte eines Jahrgangs studiert, kann von einer Bestenauslese keine Rede sein – niemand muss das beklagen. Bedeutet dies aber, die Hochschulen sollten sich nicht mehr um die Besten bemühen?

An deutschen Universitäten ist das ja so: Spricht man hier von Exzellenz oder Wettbewerb, dann meint man in der Regel die Professoren, vielleicht noch den wissenschaftlichen Nachwuchs, aber niemals die Studenten. Der sogenannte Elitewettbewerb belohnt mit vielen Milliarden die Spitzenforschung, eine Spitzenlehre gibt es nicht einmal als Wort. Und erst seit Kurzem entdecken einige Universitäten, dass auch Studenten Auszeichnungen verdienen und die Talentiertesten unter ihnen spezielle Förderung.

Als Maike Sube das Schreiben mit dem Uni-Stempel sah, dachte sie zuerst, sie hätte etwas falsch gemacht. Eine Anmeldefrist verschlampt, eine Bescheinigung vergessen. Das sind sonst die Gründe, warum sich eine Hochschule bei ihren Studenten meldet. Die angehende Biologin hatte jedoch alles richtig gemacht. Besser noch: Sube gehöre in ihrem Fach zu den fünf Prozent besten Studierenden ihres Jahrganges, stand in dem Brief. Die Hochschulleitung würde sich daher freuen, ihren weiteren Werdegang besonders zu fördern, gezeichnet: der Prorektor der RWTH Aachen.

Eine Urkunde mit der Auszeichnung schmückt seitdem Maike Subes Bewerbungsmappe. Im Career-Center der Hochschule durfte die Studentin mit anderen Auserwählten ihre Rhetorik und ihr Auftreten schulen. Ein Professorengutachten empfahl sie für ein Stipendium. Maike Sube bekam, was es an einer Massenuniversität nur selten gibt: das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. "Am besten fand ich, dass sich die Universität für mich und meine Leistungen interessiert", sagt die 22-Jährige.

Dean’s List heißt der exklusive Zirkel, dem Sube seit Kurzem angehört. Einmal im Jahr lässt sich Aachens Prorektor Aloys Krieg von den Dekanen aller Fachbereiche (englisch dean) eine Aufstellung ihrer leistungsstärksten Studierenden schicken. Mit der Bestenliste will die Hochschulleitung frühzeitig wissenschaftliche Begabungen entdecken und Topstudenten an die Uni binden. In der Forschung verstehe sich die RWTH schon lange als Spitzenuniversität, die herausragende Leistungen fördert, sagt Krieg: "Da sollte es selbstverständlich sein, dass wir den gleichen Anspruch in der Lehre haben."

In Deutschland sieben die Schulen aus, doch die Unis behandeln alle gleich

Das ist es keineswegs. So verweisen alle deutschen Universitäten stolz auf ihr Angebot für besonders talentierte Schüler: Sie laden zur Kinder-Uni ein, öffnen ihre Labore für Experimentierkurse und erlauben den hellsten Köpfen ein Frühstudium. Für die eigenen talentierten Studenten dagegen unternehmen sie wenig, die meisten Unis sogar überhaupt nichts. Es ist paradox: In keiner anderen Industrienation sortiert die Schule so stark nach Leistung wie hierzulande. Die Hochschule dagegen behandelt alle Studenten gleich. Eine formale Differenzierung nach Können und Fleiß beginnt frühestens mit dem Master.

Die Gleichbehandlung mag sinnvoll gewesen sein, als die Universität nur einem kleinen Teil eines Altersjahrgangs offenstand, zehn Prozent in den sechziger Jahren, zwanzig Prozent bis Mitte der Achtziger. Heute jedoch beginnt jeder Zweite ein Studium, die Universität ist zu einer Art Gesamthochschule geworden. Es wird Zeit, dass sie sich so verhält.

Viele Hochschulen haben mittlerweile begonnen, sich um die Niveauunterschiede zu kümmern. In sogenannten Brückenkursen können Studienanfänger nachholen, was sie in der Schule nicht gelernt haben. Mentoren weisen den Weg durch die ersten Semester, Studienberater melden sich, wenn der Abbruch droht. Solche Hilfen zielen auf die richtigen Probleme – doch ist es richtig, dass sie nur auf Probleme zielen? Denn fast alle Instrumente, um der neuen Vielfalt an den Universitäten zu begegnen, haben nur einen Teil der Studenten im Blick: jene im unteren Leistungsspektrum.