Windpark bei Trampe in Brandenburg © Patrick Pleul/dpa

Fragt man Andreas Gissler, ob man genug Geld für neue Energieprojekte einsammeln könne, schießt die Antwort aus ihm heraus. "Das ist leicht, sehr leicht sogar", sagt der Vorstand der Heidelberger Energiegenossenschaft. Seit gut drei Jahren besteht die Betreibergemeinschaft grüner Stromerzeuger, mit heute 230 Mitgliedern. Zusammen haben sie eine Million Euro investiert. Das Geld floss in zwölf Photovoltaikanlagen, die auf dem Dach der Universität, einer Realschule oder eines Bettengeschäfts stehen. "Wir haben Geld ohne Ende – und es gäbe genug Projekte, die wir noch realisieren könnten", sagt Gissler. Viele Anlagen werfen Gewinne ab.

Überall in der Republik gründen sich lokale Energiegenossenschaften. Waren es vor sieben Jahren noch rund 100, so sind es heute etwa 800. Viele können sich vor Geld kaum retten. Zusammen haben sie etwa eine halbe Milliarde Euro Kapital eingesammelt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) mit der garantierten Vergütung für die Einspeisung alternativen Stroms ins Netz gab im Jahr 2000 den Startschuss, die Energiewende nach Fukushima brachte dann neuen Schub. Zu den bekanntesten zählen die EWS Schönau und die Bürgerenergie Unterhaching. Zwar macht ihnen die Novelle des EEG das Leben schwer – mit ihr wird der Bau neuer Anlagen unrentabler, mit sinkender Einspeisevergütung und einer Abgabe sogar auf selbst genutzten Strom. Doch das Interesse an der Idee der Genossenschaft bleibt groß.

Viele Bürger lockt die Aussicht auf umweltfreundlichen Strom und mehr Unabhängigkeit – von Energiekonzernen und deren Preiserhöhungen, aber auch von den Banken, denn mit dem grünen Investment lassen sich gute Renditen erzielen. "Die Leute wollen mit ihrem Geld vor Ort in etwas Sinnvolles investieren", sagt Eckhard Ott zwar, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands (DGRV), "die finanzielle Beteiligung ist dabei nicht das Wichtigste, sondern das Mitgestalten." Aber natürlich spielt die Geldanlage eine Rolle. Die Energiegenossenschaften, die Gewinne ausschütten, zahlen ihren Geldgebern laut DGRV im Schnitt 4,26 Prozent Dividende. In Zeiten von Zinsen nahe null elektrisiert das viele.

Aber war da nicht was? Investitionen in grüne Energie, ohne Banken und so sicher wie ein Sparbuch: Mit ganz ähnlichen Formulierungen warb Prokon um Beteiligungen an Energieinvestments – und ging pleite. Der norddeutsche Großbetreiber von Windkraftanlagen versprach acht Prozent Rendite, rund 75.000 Bürger liehen ihm 1,4 Milliarden Euro. Das Insolvenzverfahren muss klären, ob die Sparer davon etwas wiedersehen. Der Fall hat Anleger verunsichert. "Er hat sicherlich mit dazu geführt, dass der Gesetzgeber bei den Regeln zum grauen Kapitalmarkt nachjustiert", sagt Ott. Mit windigen Geschäften wollen die 800 Energiegenossenschaften aber nicht vermengt werden. "Anlegerschutz ist wichtig, keine Frage. Aber die Regeln für Investmentfonds treffen nun auch die Genossenschaften. Also seriöse Unternehmen."

Es sind in der Tat verschiedene Unternehmensformen, auf denen nur das Label "erneuerbare Energie" prangt. Prokon war ein bundesweit agierendes, undurchsichtiges Geflecht aus zig Firmen, Anteile verkaufte es zuletzt als Genussscheine. Diese Wertpapiere garantieren regelmäßige Zinsen und die Beteiligung an Gewinnen – wenn die Firma welche macht –, aber kein Mitspracherecht. Trotzdem tragen die Inhaber das volle Risiko: Im Insolvenzfall werden alle anderen vor ihnen bedient. Im schlimmsten Fall droht der Totalverlust.

Energiegenossenschaften hingegen sind vor allem eines: lokal und offen, regionale Gemeinschaftsbetriebe, in denen oft jeder jeden kennt und viele ehrenamtlich mitarbeiten. Sie betreiben Anlagen vor der Haustür und sprechen jede Entscheidung bei Versammlungen ab. Sie bündeln nur das Geld vieler, um Projekte zu finanzieren. Bei ihnen gelten die Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung. Man könnte auch sagen: Genossenschaften sind Bürgerunternehmen.

Mitglied wird man oft schon ab 300 Euro. Im Durchschnitt beteiligen sich 230 grüne Genossen mit je 3.000 Euro. Die Anteilseigner sind zu 90 Prozent Privatleute, aber auch Kommunen, örtliche Banken oder kleine Firmen. Jedes Mitglied hat Mitspracherechte – und nur eine Stimme. Viele meldeten sich zu Wort, sagt Ott: "Die Leute können die Projekte vor Ort sehen und den Vorstand anrufen, wenn sich ein Windrad mal nicht dreht."

Finanzexperten sagen, die Genossenschaft sei die am effektivsten überwachte Rechtsform. Zumal als Zusatzaufseher der Genossenschaftsverband fungiert, der jede einzelne kontrolliert. Deren Vorstände sind oft Ehrenamtliche, keine professionellen Firmenlenker, deshalb bekommen sie auch meist Hilfe von Volks- und Raiffeisenbanken, die selbst nichts anderes als Genossenschaften sind. Die Gewinnerzielung ist laut Satzung nicht oberste Priorität, es geht eher darum, gemeinschaftlich zu wirtschaften und "zu ermöglichen". Verdient ein Verbund damit gutes Geld, werden die Gewinne auf alle Mitglieder verteilt. Bisher funktionierte das zuverlässig: Mit einer Insolvenzquote von 0,1 Prozent sind Genossenschaften laut Wirtschaftsauskunfteien zumindest die mit Abstand beständigste Unternehmensform. Dass aber auch mal eine aufgeben muss, zeigt die Freiburger "Energie in Bürgerhand": Weil sie mit ihrem Ziel, der Beteiligung an einer lokalen Gesellschaft, scheiterte, wird sie gerade abgewickelt. Ihre Mitglieder werden ausgezahlt.