Bulle und Bär vor der Börse in Frankfurt am Main © Daniel Roland/AFP/Getty Images

Mittelmaß, das klingt schon fast wie ein Schimpfwort. Es ist lange her, dass das Mittelmaß als erstrebenswert galt, zumindest für Philosophen. Heute will jeder etwas Besonderes sein – und dafür halten sich auch die meisten, entlarven Studien. Egal, ob es um Autofahren, Sozialkompetenz oder Börsenerfolg geht: Sollen Menschen ihre Fähigkeiten in diesen Bereichen einschätzen, behauptet die überwältigende Mehrheit von sich: Ich bin besser als der Durchschnitt. Das tun fast alle, obwohl statistisch unmöglich. In der Welt der Fonds sieht das nicht anders aus.

Auch aktive Fonds und deren Manager wollen stets besser sein als der Schnitt. Denn nur wenn sie eine überdurchschnittliche Rendite erzielen, lohnt es sich für Anleger, ihren Fonds zu kaufen. Sonst könnten sie ja gleich ein Indexpapier kaufen, also einen passiven Fonds (ETF), der sich lediglich so entwickelt wie der Vergleichsindex, also der Markt. Sie kommen ohne menschliche Verwalter aus und bauen einfach Börsenindizes nach wie den Dax, den S&P 500 oder den globalen MSCI World. Indexfonds sind Mittelmaß. Immer.

Nun haben unzählige Studien zu belegen versucht, dass es clever ist, auf dieses Mittelmaß zu setzen. Denn den allerwenigsten aktiven Fonds gelingt es, den Markt zu schlagen. Das Einzige, was sie sicher produzieren, sind Kosten. Jahr für Jahr verzichten Sparer auf zwei bis drei Prozentpunkte Rendite, damit Fondsmanager regelmäßig nach Aktien mit Potenzial suchen. Danach bleibt selten etwas übrig, und noch seltener mehr als bei den Indexfonds.

Wozu sollte man sich dann ein teures Fondsmanagement leisten? So fragen die Indexfonds-Anhänger. Weil man ohne Fondsmanager gar keine Chance hat, jemals mehr zu sein als bloßes Mittelmaß, antwortet die Aktivfonds-Lobby.

Längst ist eine Art Glaubenskrieg entbrannt um die Frage: Aktiv oder passiv, was ist besser? Und es schien, als habe die Passivseite gewonnen. Immer dann, wenn Studien einmal mehr belegten, dass Indexfonds die Mehrheit der aktiven Fonds locker schlagen. Über die vergangenen 15 Jahre liefen ETFs zu 83 Prozent besser als aktive Fonds, beziffert die jüngste Auswertung von Portfoliomanager Rick Ferri. Der Gründer der amerikanischen Investmentfirma Portfolio Solutions ist Pionier der Passivanlage und bekennender Fan von ETFs. Er hat mehrere Bücher zur Power of Passive Investment verfasst und setzt den Ansatz seit 1999 selber um. Mit einem Depot aus mehreren Indexfonds könne man sogar bis zu 90 Prozent der aktiven Fonds übertrumpfen, errechnete Ferri.

Die Forschung weiß inzwischen aus unzähligen Datensätzen: Sicher gibt es aktive Fonds, die eine Weile gut laufen. Ob Glück oder Können, ihnen fließt dann jeweils frisches Anlegergeld in die Kasse, ihre Fonds werden größer. So groß, dass sie den Markt bewegen können und selbst ein Großteil des Marktes sind. Deswegen können selbst talentierteste Manager auf Dauer kaum überdurchschnittlich erfolgreich sein. Irgendwann sind sie nur noch Mittelmaß.

Doch im Umkehrschluss bedeuten die Statistiken: Es gibt immer Ausnahmen. Einige Fonds schaffen es tatsächlich, eine gleichbleibend gute Wertentwicklung hinzulegen. Es sind wenige, aber es gibt sie. Auswertungen der Analysehäuser Lipper und Scope belegen: Immerhin jeder vierte bis fünfte Fonds schlägt auf Zehnjahressicht den Markt. Einige auch auf 20 Jahre. Finanzmarktforscher wie Lutz Johanning von der WHU in Vallendar findet die aktuelle Diskussion deshalb "zu einseitig passiv" und warnt: "Mit reinen Indexfonds-Investments verzichten Anleger möglicherweise auf eine höhere Rendite. Und in Zeiten mit kleinen Renditen kann das erheblich sein." Aktive Fondsmanager gleichen zudem Schwankungen besser aus, belegen die Daten. Denn in Krisenzeiten können Manager frühzeitig gegensteuern, wohingegen ein ETF ungebremst mit dem Index abwärts donnert.

Gerade die steigende Beliebtheit der Passivfonds spiele nun aber den Aktivfonds in die Hände, sagt Johanning. "Je mehr Kapital in passive Anlagen fließt, desto größer werden die Möglichkeiten wieder für aktive Manager, besser zu sein als der Markt." Wenn alle passiv anlegen, kann schon ein einzelner Manager den Markt überflügeln.

In letzter Zeit seien die Märkte tatsächlich immer gleichförmiger geworden, stellen viele Marktteilnehmer fest. Vom "homogeneren Verhalten aller Aktien" spricht etwa Allianz Global Investors, die Anlagesparte der Allianz. Schwankungen würden kleiner, die Erträge geringer. Ein vorübergehendes Phänomen sei das beileibe nicht, es liege an den vielen Indexprodukten und daran, dass die Anlageverwaltung professioneller geworden sei – und fast alle die gleichen Berechnungsmodelle benutzten. Den meisten Fondsmanagern verhagelt das die Erträge. Schafft es aber einer, sich durch gezielte Aktienauswahl abzusetzen, macht er große Gewinne.