DIE ZEIT: Sie betreiben in Pittsburgh einen Imbiss namens Conflict Kitchen. Klingt nach schwerer Kost – was servieren Sie dort?

Jon Rubin: Bei uns gibt es nur Gerichte aus Ländern, mit denen die Vereinigten Staaten im Clinch liegen. Also zum Beispiel aus dem Iran oder Afghanistan. Immer sechs Monate lang bieten wir typische Speisen aus einem Land an: Wir haben schon nordkoreanisches Naengmyeon gekocht, ein Gericht aus kalten Buchweizennudeln, Rindfleisch und Nashi-Birnen – oder kubanisches Lechón Asado, Spanferkel. Jede Speise wird mit einer Extraportion Informationen serviert: Wir wickeln sie in einen Flyer ein, der über die Esskultur, die politische Lage im Land und die amerikanische Außenpolitik aufklärt.

ZEIT: Eigentlich sind Sie Künstler und haben eine Professur für Kunst im öffentlichen Raum an der Carnegie Mellon University. Wie kam es zum Nebenjob als Gastronom?

Rubin: Ich war frustriert über die amerikanische Außenpolitik und die einseitige Medienberichterstattung und wollte für Aufklärung und Diskussion sorgen. Vor vier Jahren hatten mein Freund Dawn Weleski, auch ein Künstler, und ich dann die Idee mit der Konfliktküche. Der Imbiss ist ein dauerhaftes Kunstprojekt.

ZEIT: Sie hätten auch Flyer verteilen oder Demonstrationen organisieren können, um Menschen zu erreichen ...

Rubin: Damit wären wir aber nicht so erfolgreich. Viele Amerikaner reden mit Wildfremden nicht gern über Politik; das gilt als unhöflich. Wir erreichen mehr, wenn die Informationen ganz nebenbei auf den Tisch kommen. Außerdem lieben Amerikaner es, zu essen. Auch ausländische Küche. Die meisten haben nicht genug Zeit und Geld, um viel ins Ausland zu reisen – und freuen sich dann, dass sie bei uns die Speisen anderer Nationen im eigenen Land kennenlernen können.

ZEIT: Gerade bieten Sie Mezze und Falafel aus Palästina an. Gäbe es nicht eine aktuellere Wahl?

Rubin: Stimmt. Aber unser Team besteht nur aus rund 15 Leuten, und wir brauchen jeweils sechs Monate zur Vorbereitung: Die Fassade des Imbisses wird immer in landestypischen Farben gestaltet, das Namenschild in der jeweiligen Sprache – also zum Beispiel "Cocina del Conflicto", als wir einen Venezuela-Fokus hatten.

ZEIT: Reisen Sie und Ihr Partner zur Vorbereitung auch jedes Mal?

Rubin: Das kommt auf das Land an. Syrien wäre mir momentan zu gefährlich. Falls wir das mal als Thema nehmen, werden wir uns bei Exilanten informieren, die hier leben. Auch im Fall von Nordkorea sind wir nicht vor Ort gewesen, weil wir ohnehin nicht offen mit Einheimischen hätten reden können. Aber ich war schon auf Recherche in Südkorea, auf Kuba und in Palästina. Im Westjordanland haben Dawn und ich zum Beispiel Familien zu ihrer politischen Meinung befragt und mit ihnen gekocht, um Rezepte zu sammeln. Und in Havanna habe ich einfach gleich für unseren Nordkorea-Fokus mit recherchiert: Ich habe bei der nordkoreanischen Botschaft geklingelt, und ein Diplomat gab mir bereitwillig Auskunft über die Küche seines Heimatlandes.

ZEIT: Schaffen Sie es zu Hause dann immer, die Rezepte, die Sie auf diese Weise gesammelt haben, nachzukochen?

Rubin: Wir versuchen es. Und wir arbeiten ja zusätzlich oft noch mit Exilanten zusammen. Aber es kann schon mal passieren, dass ein Afghane kommt und sagt: Hm, das schmeckt aber gar nicht so wie bei meiner Mutter! Zumal wir hier manchmal nicht die Originalzutaten bekommen. Doch es ist ja auch gesund, wenn zwei Kulturen sich vermischen. Und unsere Speisen sollen zwar so authentisch wie möglich sein – aber mit Müttern können wir natürlich nicht mithalten.

ZEIT: Gibt es außer kulinarischer auch politische Kritik an der Konfliktküche?

Rubin: Die Leute, die unsere Idee doof finden, besuchen uns erst gar nicht. Kritik bekommen wir eher per Mail. Da müssen wir allerdings manchmal ganz schöne Beschimpfungen aushalten.

ZEIT: Beschweren sich bisweilen auch Angehörige einer Kultur, weil Sie einer anderen den Vorzug gegeben haben?

Rubin: Die Jüdische Gemeinde hier forderte mal, dass wir auch den israelischen Standpunkt klarmachen sollen, wenn wir Palästina ein Forum geben. Aber die israelische Seite wird sowieso schon ausführlich in den amerikanischen Medien beleuchtet. Und bei uns geht es immer nur um eine Küche.

ZEIT: Inzwischen haben Sie am Tag rund 300 Gäste. Sind die meisten politisch interessiert oder einfach nur hungrig?

Rubin: Die meisten interessieren sich schon für Politik. Aber selbst wer eigentlich nur was essen will, kommt oft mit Leuten am Nebentisch ins Gespräch. Mittlerweile haben wir einen ziemlich multikulturellen Kundenstamm. Da redet dann ein Afghane mit einem Iraner über den Einfluss von iranischem Essen auf seine Kultur. Oder ein Jude und ein Palästinenser fachsimpeln über eine bestimmte Speise, die es in beiden Kulturen gibt.

ZEIT: Heizen Sie die Diskussionen manchmal zusätzlich an?

Rubin: Ab und zu laden wir Mitarbeiter von lokalen Hilfsorganisationen zu Gesprächen ein. Und bei unserem momentanen Palästina-Schwerpunkt schalten wir immer wieder live per Skype in die Region. Dann können unsere Gäste mit Menschen reden, die wir vor Ort kennengelernt haben, und ein paar in Pittsburgh lebende Palästinenser dolmetschen. Außerdem haben wir eine Veranstaltung mit der Autorin Laila El-Haddad geplant, die aus Gaza-Stadt stammt, aber derzeit in den Staaten wohnt. Sie hat das Kochbuch The Gaza Kitchen geschrieben, das viele persönliche Geschichten von Menschen im Gazastreifen enthält.

ZEIT: Was werden Sie kochen, wenn Ihnen die sogenannten Schurkenstaaten irgendwann mal ausgehen?

Rubin: Ach, wir definieren Konflikte sehr großzügig. Venezuela hatten wir schließlich auch im Programm, obwohl die Vereinigten Staaten mit dem Land keine bewaffnete Auseinandersetzung haben und sich die amtierenden Staatsoberhäupter "nur" immer wieder öffentlich anfeinden. Als Nächstes thematisieren wir eventuell Syrien. Obwohl – wir haben jetzt schon sehr viele Speisen aus dem Nahen Osten gekocht. Ich könnte mir auch ein afrikanisches Land vorstellen, zum Beispiel den Südsudan. Und Russland wäre natürlich ebenfalls eine Option. Tja – unsere Auswahl ist leider groß. Ich fürchte, so schnell werden uns die Möglichkeiten wohl nicht ausgehen.