Ob Kartoffeln oder Äpfel: Die Ausbeute der Ernte könnte mithilfe der Gentechnik gesteigert werden, etwa weil die Früchte dann weniger anfällig für Krankheiten sind. © Vasily Fedosenko/Reuters

Eine Revolution überrollt gerade weite Bereiche der Lebenswissenschaften. Sie wird die Medizin verändern, die Landwirtschaft umkrempeln, unsere Ernährung bestimmen. Am erstaunlichsten an ihr ist, dass sie sich so lautlos vollzieht. Aber ihre Protagonisten wollen genau das: unauffällig arbeiten.

Vorangetrieben wird der Umbruch durch neue biotechnische Werkzeuge. Sie erlauben den Forschern erstmals präzise Eingriffe in den Code des Lebens. "Genome-Engineering" löst die im Vergleich plumpe bisherige Gentechnik bei Pflanzen, Tieren und Menschen ab. Wurde früher fremdes Erbmaterial nach dem Zufallsprinzip ins Genom bugsiert, können Biotechniker nun punktgenaue Veränderungen vornehmen. Die Erbinformation wird dabei so präzise bearbeitet, als wäre sie ein Text in einem Schreibprogramm – Buchstabe für Buchstabe. Defekte Gene lassen sich spurlos korrigieren, neue Erbanlagen präzise einfügen. Pflanzensorten und Tierrassen mit erwünschten Eigenschaften entstehen.

Die neuen Werkzeuge haben kryptische Namen, wie etwa Crispr. Doch man sollte sich die Kürzel merken. Die neue Biotechnik dringt bereits in zentrale Bereiche unseres täglichen Lebens vor. Sie dürfte Therapien gegen bisher nicht heilbare Erkrankungen den Weg bereiten.* Sie wird die Tier- und die Pflanzenzucht verändern. Schon ist erkennbar: Unsere Ernährung wird in Zukunft ein neues Fundament erhalten.*

Vor allem in der Pflanzenzüchtung sollen die Verfahren der sogenannten Cis-Genetik (die lateinische Vorsilbe cis steht für diesseits, hier diesseits der Artengrenze) zum Durchbruch verhelfen. Dabei werden anders als bislang keine artfremden Erbinformationen – etwa für Bakterientoxine oder Antibiotikaresistenzen – mehr in Soja oder Kartoffeln verschoben. Erwünschte Eigenschaften gewinnen die Züchter nun durch den gezielten Austausch von Genvarianten: Die Robustheit von Wildäpfeln gegen Schädlinge etwa lässt sich problemlos in gezüchtete Sorten übertragen. Zudem kann Cis-Genetik die Züchtung neuer Pflanzen drastisch beschleunigen und die Risiken bisheriger Verfahren obsolet machen.

Darin liegt die Brisanz der neuen Biotechniken: Ihre Schöpfungen hätten ebenso gut in der Natur entstehen können – durch natürliche Mutation oder konventionelle Kreuzung. Ihre Erzeugnisse unterscheiden sich deshalb nur in ihrer Herkunft von denen der freien Natur, nicht in ihrer Biologie.

Die Grundlagenforschung hat sich die neue Gentechnik längst dienstbar gemacht: Cis-Genetik mithilfe der modernen Verfahren des Genome-Engineerings hat die Labore erobert. Die Medizin versucht, durch die Einfügung natürlicher HIV-Resistenzen künftig Aids-Patienten zu helfen. Forschende Unternehmen warten darauf, dass die Politik die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen absteckt.

Genome-Engineering trifft dabei in all seinen Anwendungsgebieten mitten hinein in eine politisch, ökonomisch und ethisch kontroverse Auseinandersetzung. Die neue Gentechnik greift in den Züchtungsprozess ein, aber sie hinterlässt im fertigen Produkt keinerlei Spuren mehr. Für gentechkritische Verbraucherschützer ist das ein Albtraum. Die festgefahrene Debatte um die grüne Gentechnik steht auf einmal unter neuen Vorzeichen, nationale und EU-Regularien für Genmais und Co. sind auf die neue Züchtungstechnik nicht mehr anwendbar.

Ob und wie die EU die Züchtungen der Cis-Genetik (also etwa die Übertragung von Apfelgenen auf Äpfel) regulieren kann und sollte, ist in Brüssel Gegenstand intensiver Fehden. Die Akteure haben sich längst aufgestellt. So versucht die Umwelt- und Antigentechniklobby zu intervenieren: Weil Anne Glover, derzeit Chief Scientific Adviser des Kommissionspräsidenten, in den Augen von Greenpeace und sieben weiteren NGOs zu gentechnikfreundlich agierte, verlangten diese in einem offenen Brief an Jean-Claude Juncker, den Posten einfach abzuschaffen. Die Befürworter hingegen sorgen sich wegen des zerstörerischen Potenzials einer neuen Panikdebatte – und arbeiten hinter den Kulissen daran, die Politik vom Nutzen der neuen Techniken und von ihrer Naturnähe zu überzeugen.

* Anm. d. Red.: An dieser Stelle wird im gedruckten Stück auf die Artikel "Die Reparatur der Natur" auf Seite 38 und "Vom Apfel der Erkenntnis" auf Seite 39 in der ZEIT 44/2014 verwiesen.