Was für ein Schnäppchen: Zwischen Pfandrückgabeautomat und Kühlregal landen bei Aldi noch die Kinderstiefel für 12,99 Euro im Einkaufswagen. Robuste Booties, perfekt für das Herbstmatschwetter. Auch aus dem Kaffeeröster Tchibo ist längst ein Kleidungsdiscounter geworden. Grüne, kuschelig gefütterte Kinderregenstiefel mit Pünktchen kosten nur 14,95 Euro.

Was wohl nur wenige Käufer ahnen: Sie legen sich eine gehörige Portion Chemie in den Einkaufswagen. Eine Stichprobe der Umweltschutzorganisation Greenpeace – die der ZEIT exklusiv vorliegt – hat ergeben, dass zahlreiche Kinderschuhe aus günstigen Supermärkten so stark mit Chemikalien belastet sind, dass Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) und des Ökosiegels Blauer Engel ebenso überschritten werden wie branchenübliche Industriestandards. Nachgewiesen wurden auch Schadstoffe, für die es bislang keine verbindlichen Grenzwerte gibt.

26 Schuhe und Kleidungsstücke – vor allem für Kinder – der Händler Aldi, Lidl, Tchibo, Penny (Discountableger von Rewe) sowie Produkte aus österreichischen und Schweizer Supermärkten hat Greenpeace auf sieben verschiedene Schadstoffe untersucht. Die nicht repräsentative Studie ist Teil der internationalen Detox-Kampagne von Greenpeace, mit der die Umweltschützer auf Risikochemie in der Mode aufmerksam machen wollen.

Die höchsten Belastungen fand Greenpeace in Kinderschuhen. Zum Beispiel mit Dimethylformamid (DMF), einem klassischen Lösungsmittel in der Schuhproduktion. Es gilt als toxisch und sogar fortpflanzungsgefährdend, deshalb empfehlen bekannte Ökosiegel wie der Blaue Engel vom Umweltbundesamt maximal 10 Milligramm pro Kilogramm für Schuhe und Schutzhandschuhe. Doch solche Werte sind unverbindlich.

Im Obermaterial des Aldi-Schuhs wies ein unabhängiges Forschungsinstitut 194 Milligramm DMF je Kilogramm nach. Ein zweites Kontrollinstitut entdeckte auf der gleichen Probe sogar 200 Milligramm je Kilogramm. Ein Schuh des österreichischen Discounters Hofer (gehört zu Aldi Süd) enthielt gar 270 Milligramm je Kilogramm.

In den Regenstiefeln von Tchibo fanden die Tester Weichmacher – sogenannte polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Sie machen aus einem spröden Stück Kunststoff einen geschmeidigen Kinderstiefel. Allerdings klassifiziert das europäische Chemikalienrecht acht dieser Kohlenwasserstoffe explizit als krebserregend, bei weiteren wird diese Wirkung vermutet. Im Tchibo-Pünktchen-Regenstiefel wies Greenpeace gleich drei der krebserregenden PAK nach, darunter Benzo(a)pyren in Höhe von 0,7 Milligramm pro Kilogramm.

Umweltschützer und Ökotest warnen seit Jahren vor PAK. Doch auch hier gilt: Einen offiziellen Grenzwert überschreiten die Regenstiefel aktuell nicht. Der gilt erst von Dezember 2015 an: Dann liegt die EU-Obergrenze bei 1 Milligramm pro Kilogramm für Verbraucherprodukte aus Gummi. Den Grenzwert betrachtet das BfR, das nicht als alarmistische Behörde gilt, allerdings als zu hoch. Das BfR empfiehlt maximal 0,2 Milligramm pro Kilogramm für krebserregende PAK. Im Greenpeace-Test übertreten die Tchibo-Stiefel, die Aldi-Booties und ein Kinderschuh der Schweizer Kette Migros den Vorsorgewert des BfR.

Stehen nun in deutschen Garderoben gefährliche Kinderstiefel herum? Die Einschätzungen fallen unterschiedlich aus. Entscheidend sei nicht nur die Schadstoffmenge, sondern die Frage, wie viel Chemie sich beim Tragen aus dem Material löse und in die Haut dringe, sagt Bärbel Vieth, Chemikalienexpertin des BfR. Die Schadstoffkonzentrationen seien "nicht akut gesundheitsgefährdend". Unklar sind jedoch die langfristigen Folgen für Menschen, daher empfiehlt das BfR für PAK, dass insbesondere Kinder so wenig wie möglich aufnehmen. Vieth macht zudem eine Einschränkung. Für manche Chemikalien wie etwa das allergieauslösende 2-Phenyl-2-propanol (2PP) liegen bisher keine ausreichenden Daten vor, etwa zur Freisetzung der Substanz während des Hautkontaktes. "Intensiver Geruch der Produkte weist auf geringe Qualität hin und widerspricht den Prinzipien der guten Herstellerpraxis", sagt sie. "Daran kann sich der Verbraucher orientieren."