Es ist vertrackt. Natürlich ist die Rente nicht mehr sicher. Wer im Alter einigermaßen gut leben will, muss privat vorsorgen. Doch wie soll das gehen, wenn die Zinsen abzüglich Inflationsrate unter null verharren? Wenn der Durchschnittsbürger gern spart, aber nicht investiert? Wenn er den Zins mag, die Aktie aber meidet?

Da ist guter Rat teuer? Von wegen! Zurzeit ist er das überhaupt nicht. Die Anlageberatung ist sogar meist kostenlos, denn sie ist keine Beratung, sondern eher ein Verkaufsgespräch. Wer sich von einem Makler, Vertreter oder Bankberater Anlageprodukte empfehlen lässt, der bezahlt dafür erst mal nichts – jedenfalls solange er nichts kauft. Stattdessen erhält der Verkäufer bei Vertragsabschluss eine Provision vom Anbieter des Finanzprodukts. Je höher diese ist, desto attraktiver ist es für den Vermittler, dieses Produkt dem Kunden aufzuschwatzen. Ein Vorgehen, das sich die meisten Privatanleger immer noch nicht klarmachen: Ein Berater, der ausschließlich auf die Bedürfnisse des Kunden und nicht auf die Höhe der eigenen Vergütung schaut, müsste über eine gehörige Portion Altruismus verfügen. Mit anderen Worten: Er dürfte eher die Ausnahme sein.

Guter Rat ist also nicht teuer, sondern rar, weil er nicht unabhängig erteilt wird. So ist nichts logischer, als den Interessenkonflikt zwischen dem finanziellen Wohlergehen des Anlegers und dem seines Finanzvermittlers aufzulösen und ein Angebot zu schaffen, bei dem der Ratsuchende tatsächlich für den Rat an sich bezahlt, unabhängig von seiner Anlageentscheidung. Das ist die Idee der Honorarberatung. Sie ist so simpel, dass sie sogar Politiker begeistert hat. Seit dem 1. August ist ein eigenes Honoraranlageberatungsgesetz in Kraft.

Allein, es nutzt kaum jemand dieses wunderbare Angebot. Das liegt zum einen daran, dass es den Anleger eher schmerzt, seinen Berater zu bezahlen, als eine Provision in Kauf zu nehmen, über deren Höhe er oft nichts weiß. Offenbar gelingt es den meisten, zu ignorieren, dass es oft teurer ist, wenn ein beträchtlicher Teil ihres Geldes nicht in die Anlage, sondern an den Vermittler fließt. Wer etwa über zehn Jahre monatlich 400 Euro in einen Aktienfondssparplan einzahlt, der kann davon 2.400 Euro direkt wieder abziehen. Fünf Prozent Ausgabeaufschlag Monat für Monat entsprechen den gesamten Einzahlungen des ersten Halbjahres. Das machen sich die meisten Anleger nicht bewusst, und sie bevorzugen daher das Konzept der vermeintlichen Rundum-kostenlos-Beratung.

Aber es gibt noch einen zweiten, bei Weitem rationaleren Grund, der gegen die Honorarberatung spricht: Es gibt sie kaum in Deutschland. Zunächst muss der Verbraucher erst mal einen Berater finden, der tatsächlich nur vom Honorar seiner Kunden lebt. Zur Einordnung: In Deutschland sind bei den Industrie- und Handelskammern rund 240.000 Versicherungs- und Finanzvertreter registriert. Da sind diejenigen, die bei Finanzinstituten fest angestellt sind, nicht mitgezählt. Demgegenüber stehen neun Unternehmen, die sich bis Mitte September im Bafin-Register als Honorar-Anlageberater eintragen lassen haben. Gerade einmal 1.500 Berater haben die berufsständischen Leitlinien der Honorarberater unterschrieben. Über die nach Paragraf 34h der Gewerbeordnung registrierten Berater, die nur nach Honorar beraten dürfen, gibt es bisher keine verlässlichen Zahlen. Nach einer Umfrage, die der Verbund Deutscher Honorarberater (VDH GmbH), ein Infrastrukturdienstleister für die Branche, noch vor dem 1. August durchgeführt hat, dürften nicht mehr als 400 Berater darunter fallen. Gleichzeitig ist es nach wie vor möglich, sich nach Paragraf 34f der Gewerbeordnung zu registrieren, also sowohl gegen Honorar als auch auf Provisionsbasis arbeiten zu dürfen und damit keineswegs unabhängig von den Überweisungen der Finanzindustrie zu sein.

Wer einem "Honorar-Finanzanlagenberater" gegenübersitzt, kann sich relativ sicher sein, dass der nur im Interesse seines Kunden arbeitet. Geschützt sind die Bezeichnungen des "Honorar-Anlageberaters" im Wertpapierhandelsgesetz sowie die des "Honorar-Finanzanlagenberaters" in der Gewerbeordnung. Begriffe wie "Vermögensberater auf Honorarbasis", "Finanzberater auf Honorarbasis", "Berater gegen Honorar", "Finanzoptimierer auf Honorarbasis" oder auch "Honorarvermögensberater" sind es allerdings nicht. "Gegen Honorar darf jeder beraten, das ist nicht geschützt", sagt Dieter Rauch, der Geschäftsführer der VDH GmbH. Kein Wunder, dass das Bundesministerium für Verbraucherschutz vom institut für finanzdienstleistungen e. V. (iff) den sehr guten Internetratgeber Wegweiser Finanzberatung entwickeln ließ. Dieses Angebot zeigt deutlich, dass der Gesetzgeber mit seinen neuen Regelungen alles geschaffen hat, nur keine Klarheit. Ein Verbraucher, der erst eine komplexe Internetseite durcharbeiten muss, um sich über den Status seines Beraters zu informieren, könnte auch gleich den Anlageprospekt von vorn bis hinten studieren – was erfahrungsgemäß den meisten Menschen zu anstrengend ist.