Operieren um des Operierens Willen: Viele Chirurgen wehren sich dagegen. © JEAN-SEBASTIEN EVRARD/AFP/Getty Images

Wer vor mehr als zehn Jahren in einem Krankenhaus lag, durfte nicht damit rechnen, an einem Freitag, sondern frühestens am darauffolgenden Montag entlassen zu werden. Die Krankenhäuser bekamen ihr Geld nach der Zahl der Tage, die ein Patient bei ihnen verbrachte – und sie ließen sich gerne noch zwei Wochenendtage bezahlen, auch wenn therapeutisch kaum mehr etwas geschah. Die Krankenhaustage in Deutschland waren üppig bemessen, und die Politik reagierte.

Seit 2003 werden die Krankenhäuser nicht mehr nach Verweildauer, sondern nach Fallpauschalen entlohnt. Für eine bestimmte Diagnose und für bestimmte Behandlungen gibt es seither einen festgelegten Geldbetrag. Nun sind die Krankenhäuser nicht mehr an langen Liegezeiten interessiert, sondern an möglichst vielen Patienten und Prozeduren. Diese Entwicklung nimmt besorgniserregende Züge an.

Das zeigten einmal mehr der letzte Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin und sein ungewöhnliches Leitmotiv "Mut zum Verzicht". Die Chirurgen wehrten sich gegen den wachsenden Druck, durch Steigerung der Fallzahlen die finanziellen Erlöse ihrer Krankenhäuser zu mehren. Sie wandten sich gegen das "Operieren um des Operierens willen" und nannten konkrete Vorschläge, um die OP-Zahlen zu reduzieren.

Einige Beispiele mögen den Grund für den ärztlichen Unmut erläutern: Die AOK berichtet von einer Verdoppelung der Wirbelsäulenoperationen zwischen 2005 und 2010. Die Techniker Krankenkasse geht davon aus, dass 85 Prozent aller operativen Eingriffe am Rücken überflüssig sind. Die Zahl der Herzkatheteruntersuchungen liegt pro Einwohner in Deutschland um 70 Prozent höher als in Österreich und um 98 Prozent höher als in der Schweiz. Trotzdem – so die AOK – sterben relativ gesehen in Deutschland mehr Menschen am Herzinfarkt als in Österreich oder der Schweiz.

Die Liste der Beispiele ließe sich verlängern. Ein OECD-Bericht bestätigt: Im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei zahlreichen Eingriffen in der Spitzengruppe oder weit über dem Durchschnitt. Und so ahnen inzwischen auch viele Bürger, dass ihnen zuweilen zu viel des Guten droht.

Man könnte in dieser Situation geneigt sein, ökonomisches Denken in der Medizin zu verdammen. Doch das verkennt die Realität. Denn medizinische Leistungen entstehen nicht von selbst, sondern müssen aufwendig erbracht und finanziert werden. Überdies sind die Ressourcen immer begrenzt, auch im Gesundheitswesen. Allein deswegen ist wirtschaftliches Denken in der Medizin geboten. Das Ziel, vorhandene Mittel sparsam und wirksam einzusetzen, passt auch gut zur moralischen Ausrichtung des Arztberufes.

Überflüssige ärztliche Interventionen vergeuden nicht nur Geld, Zeit und Ressourcen, sondern missachten zudem das hehre hippokratische Gebot primum nil nocere: vor allem nicht schaden. Denn ärztliche Interventionen haben nicht nur erwünschte Wirkungen, sondern stets auch unerwünschte. Eine Operation ohne medizinische Indikation als Heilbehandlung durchzuführen gilt juristisch ohnehin als Körperverletzung.

Was aber genau ist sinnvoll an der Ökonomie in der Medizin, was nicht – und wo verläuft die Trennlinie? Eine Antwort lässt sich nur finden, wenn man sich auf das Grundanliegen der Medizin besinnt. Dabei besteht kein Zweifel: Ihre Aufgabe ist es, kranken Menschen zu helfen.

Die Indikation

Die Grundausrichtung der Medizin zeigt sich nicht zuletzt an der Indikation, an der Frage, ob eine Maßnahme medizinisch notwendig und ob sie sinnvoll ist. Bei einer Indikationsstellung vergleicht ein Arzt den voraussichtlichen Verlauf einer Erkrankung ohne Behandlung und den voraussichtlichen Verlauf mit Intervention. Ist mit höherem medizinischem Nutzen für den Patienten zu rechnen, wenn der Arzt interveniert, liegt eine medizinische Indikation vor. Sie muss jeweils individuell und ausschließlich anhand des zu erwartenden Nutzens für den konkreten Patienten gestellt werden.

Zum Autor: Der Arzt und Philosoph Urban Wiesing ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Zuletzt legte er mit Kollegen einen Entwurf für ein Gesetz zur Sterbehilfe vor