Skepsis ist zu Hass geworden. © kallejipp / photocase.com

Ich bin nicht gekauft. Kein Chefredakteur hat mich angerufen und mich um diesen Artikel gebeten oder mir irgendetwas angeboten. Ich bin nicht als PR-Söldner im Dienste der Leitmedien unterwegs und finde, um dies gleich vorauszuschicken, nicht alles gut, was ARD und ZDF senden oder was im Spiegel, in der ZEIT, in der FAZ oder in der Süddeutschen steht, sondern ich ärgere mich mitunter über den real existierenden Journalismus, über manche Selbstgerechtigkeit und einen Skandalisierungsfuror, der mich frösteln lässt. Aber inzwischen ist etwas gekippt. Auf einmal hat sich Skepsis in Wut, ja sogar in Hass verwandelt. In einen Hass auf die Medien. Seit den achtziger Jahren wird mit guten Gründen die zunehmende Politik- und Parteienverdrossenheit beschrieben – ungezählt sind die Symposien, die Publikationen, die Diskussionen und Debatten. Aber die Medienverdrossenheit, der dramatische Vertrauensverlust in die Orientierungs- und Informationsleistung des Qualitätsjournalismus, findet öffentlich nicht statt; vermutlich, weil sich hier, weitgehend unbemerkt, eine Bewegung formiert hat, die sich kaum als Bewegung und gewiss nicht als soziales oder politisches Milieu fassen lässt. Sie ist radikal im Urteil, aber weltanschaulich pluralistisch, nicht eindeutig rechts oder links. Ihre Gemeinsamkeit ist allein der böse Blick auf das Treiben von Journalistinnen und Journalisten.

Die Mehrheit der Deutschen hält Journalisten für unmoralisch, rücksichtslos, manipulativ, bestechlich und für deutlich zu mächtig, so der bereits im Jahre 2009 veröffentlichte Befund eines Forscherteams um den Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach. Donsbach hat die bislang einzige umfassende Untersuchung zur Medienverdrossenheit in deutscher Sprache vorgelegt, aber andere, aktuellere Befragungen zum Ansehen und zur Glaubwürdigkeit der Branche offenbaren ein ähnlich desaströses Bild. Was ist der Grund? Die Antwort: Es gibt ihn nicht, diesen einen Grund. Medien- und Fälschungsaffären, die Boulevardisierung der Berichterstattung, der Negativismus der Nachrichten, der Einfluss von PR-Agenturen und Lobbyorganisationen – all die angeblichen oder tatsächlichen Grenzüberschreitungen und Verfehlungen munitionieren den großen Verdacht. Der Philosoph Michel Foucault würde in einer solchen Situation höchst unterschiedlich begründeter Einheitsurteile von einem Dispositiv im Diskurs sprechen – einem Sammelsurium unterschiedlichster Stellungnahmen, das aber doch durch ein gemeinsames Wahrnehmungsschema geprägt wird, eine Art Hintergrundbild. Es ist ein Bild des Niedergangs und der Verwahrlosung. Es erzählt von Auflösung und von Zerstörung. Es handelt von Kampagnen, von Verschwörung und von menschenverachtender Manipulation.

Man begegnet diesem Bild auf Demonstrationen, die gegen die Kriegshetze der Medien protestieren und auf denen sich verwirrte Reichsdeutsche genauso finden wie Friedensbewegte. Man wird mit diesem Bild konfrontiert, wenn man sich in Onlineforen bewegt, die von der Gleichschaltung, der Propaganda der Mainstreammedien und der Systempresse berichten, oder aber die Aktivitäten der ehemaligen Nachrichtensprecherin Eva Herman verfolgt, die inzwischen in schrillen Netzvideos gegen die "vielen Lügen" der etablierten Medien ansendet. Man entdeckt das Stereotyp einer irgendwie außer Kontrolle geratenen, seltsam einheitlich agierenden Macht, wenn man die Fülle der empörten Reaktionen auf die Berichterstattung über Karl-Theodor zu Guttenberg, Günter Grass (Israel-Gedicht), Thilo Sarrazin, Peer Steinbrück oder Christian Wulff studiert. Blutrausch und Medienbestie, Hetzjagd und Meute, Kampagne und Rudel – das sind Vokabeln, die hier auftauchen und zur Schwarz-Weiß-Zeichnung eingesetzt werden. Und man stößt auf die düstere Stimmungslage der Medienverdrossenen, wenn man sich auf das vergleichsweise neue Genre der journalismuskritischen Abrechnungsliteratur einlässt: Christian Wulff hat ein solches Abrechnungsbuch aus der Ich-Perspektive vorgelegt, das wochenlang die Bestsellerlisten anführte (Ganz oben, ganz unten). Auch Bettina Wulff (Jenseits des Protokolls) und Thilo Sarrazin (Der neue Tugendterror) haben dies getan. Zuletzt publizierte Susanne Gaschke ihren Erfahrungsbericht über die Zeit als Kieler Oberbürgermeisterin (Volles Risiko) – auch dies ein Entsetzensschrei über die Erfahrung der Mediengewalt am eigenen Leibe. Aber es sind nicht nur solche Bücher, die Erfolg haben. Verschwörungstheoretiker wie der ehemalige FAZ-Journalist Udo Ulfkotte (Gekaufte Journalisten), der gleich zwei Folgebände zum Niedergang der Qualitätsmedien und der von ihnen produzierten "Scheiße" angekündigt hat, finden ihr Publikum und klettern dieser Tage die Bestsellerlisten empor.

Es ist, so muss man festhalten, die Wut über den real existierenden Journalismus, es ist die individuell begründete, aber kollektiv wirksame Stimmung der Medienverdrossenheit, die all diese Menschen, die so unterschiedlich sind und die gewiss keinen entspannten Abend miteinander verbringen könnten, verbindet. Ihr Unbehagen entzündet sich stets am konkreten Beispiel, das mit großer Entschiedenheit zum allgemeinen Schicksal umgedeutet wird. Eigene Erfahrungen in der Politik, ein individuelles Skandalisierungserlebnis – stets führt der Weg des Denkens vom Einzelfall zum grundsätzlichen Urteil, das eine besondere Schärfe besitzt, geht es doch mit einem Mal um die Verderbtheit der Branche insgesamt. Allerdings muss man sich fragen, ob es fair und angemessen ist, die vom Empörungs- und Skandalisierungsfuror Gedemütigten, die alarmistischen Verschwörungstheoretiker, die Sarrazin-Anhänger, die Grass- und Putin-Verteidiger insgesamt als Medienverdrossene zu bezeichnen. Ist dies nicht selbst eine schrecklich pauschale Kritik des Pauschalurteils – und ein Versuch, die womöglich berechtigten Einsprüche zu marginalisieren?

Spätestens an dieser Stelle muss die Rückkehr zur Ich-Form folgen, weil sie die eigene Subjektivität und das persönliche Werturteil unmittelbar offenbart. Tatsächlich sind, so meine ich, die großformatigen Verfalls- und Verwahrlosungsthesen, die gegenwärtig kursieren, falsch und in ihrer Wucht gefährlich, weil sie das Vertrauen in den Journalismus untergraben und den bösen Blick seltsam starr werden lassen. Sie sind nicht gerecht, weil sie all die erhellenden Debatten, Porträts und Analysen ignorieren und auch die publizistischen Spitzenleistungen unterschlagen, die sich ohne großen Aufwand Tag für Tag entdecken lassen. Die Berichterstattung über den Missbrauch von Kindern in der Odenwaldschule, die hartnäckigen Recherchen in der NSA-Affäre, die Aufbereitung des NSU-Prozesses – all dies sind Beispiele für einen (im Vergleich zu anderen europäischen Ländern) oft mustergültigen, gleichermaßen orientierenden und informierenden Journalismus.

Ist die Medienverdrossenheit das Symptom einer Zeitenwende?

Womöglich ist die aktuelle Medienverdrossenheit jedoch selbst das Symptom einer Zeitenwende, Ausdruck und Folge einer noch nicht ausgereiften Neuordnung der Beziehung zwischen den Medien und ihrem Publikum, das sich im digitalen Zeitalter in einer bis dato unvorstellbaren Direktheit und Geschwindigkeit in den Kommunikationsprozess einschalten kann, wütend oder ermutigend, voller Hass, aber eben auch mit berechtigter Sorge, als Korrektiv und Anreger. Niemand ist heute mehr zur Rolle des Leserbriefschreibers verdammt, der auf die Gnade des unredigierten Abdrucks hoffen muss. Jeder vermag sich, lange schon, eigene Plattformen und Kanäle zu suchen. "Here comes everybody" – so lautet eine kluge Formel des Netztheoretikers Clay Shirky zur Lage der Medienwelt.

Die Aufgabe des Qualitätsjournalismus wird es sein, auf die Ad-hoc-Attacken, die Einsprüche und die Ideen der Leser und Zuschauer dialogisch und im Sinne einer kritischen Partnerschaft zu reagieren. Es gilt, eine Art Mittelweg zu entdecken, der sich nicht opportunistisch einem vermeintlichen Publikumswillen und der Diktatur der Klickzahlen beugt oder aber selbst in die Abwertungsspirale einsteigt und jede kritische Regung pauschal als Shitstorm gekaufter Trolle oder dumpfes Grölen eines digitalen Mobs verunglimpft. Berechtigte Medienkritik und echte Grenzüberschreitungen (und die gibt es natürlich) sind aus dieser Perspektive unbedingt ernst zu nehmen – auch in dieser Hinsicht war die kürzlich erfolgte Entschuldigung von Thomas Roth (ARD) für Fehler in der Ukraine-Berichterstattung, die Zuschauern aufgefallen waren, ein positives Fanal. Und doch bleibt, mit Blick auf den laufenden Strukturwandel der Öffentlichkeit, grundsätzlich die Frage: Was heißt es, wenn die Medien als vierte Gewalt durch eine fünfte Gewalt in Gestalt des Publikums ergänzt wird, eine Gewalt, die sich selbst massiv öffentlich artikulieren und eine eigene Agenda durchsetzen kann? Wie wird sich das Beziehungsgefüge zwischen den Medien und ihrem Publikum insgesamt verändern?

All dies mag die Zukunft zeigen, aber Journalistinnen und Journalisten sind gerade jetzt, gerade in den Zeiten einer spürbaren Neuordnung der Kommunikations- und Machtverhältnisse existenziell auf gesellschaftliche Akzeptanz angewiesen. Sie brauchen eine Art Grundvertrauen als Grundlage ihrer Arbeit, denn sie selbst erzeugen, um eine erhellende Formulierung des Medienforschers Matthias Kohring aufzugreifen, Vertrauen durch Misstrauen, benötigen aber eben für die misstrauische Beschreibung kritikwürdiger Zustände selbst das Vertrauen ihres Publikums, weil sich nur so die Wirkung einer kritischen Enthüllung wirklich entfalten kann. Es besteht eine eigene Tragik darin, dass die pauschale Kritik die Qualitätsmedien in einem Moment trifft, in dem manche von ihnen um ihre Existenz kämpfen. Eigentlich müsste in diesen Zeiten die Solidarität besonders groß sein. Die Mode einer grassierenden Medienverdrossenheit ist in der gegenwärtigen Situation fatal. Sie vergiftet das Beziehungsklima, von dem guter Journalismus lebt.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Dieser Tage veröffentlichte er – gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun – das Buch "Kommunikation als Lebenskunst" (Carl Auer-Verlag)