Womöglich ist die aktuelle Medienverdrossenheit jedoch selbst das Symptom einer Zeitenwende, Ausdruck und Folge einer noch nicht ausgereiften Neuordnung der Beziehung zwischen den Medien und ihrem Publikum, das sich im digitalen Zeitalter in einer bis dato unvorstellbaren Direktheit und Geschwindigkeit in den Kommunikationsprozess einschalten kann, wütend oder ermutigend, voller Hass, aber eben auch mit berechtigter Sorge, als Korrektiv und Anreger. Niemand ist heute mehr zur Rolle des Leserbriefschreibers verdammt, der auf die Gnade des unredigierten Abdrucks hoffen muss. Jeder vermag sich, lange schon, eigene Plattformen und Kanäle zu suchen. "Here comes everybody" – so lautet eine kluge Formel des Netztheoretikers Clay Shirky zur Lage der Medienwelt.

Die Aufgabe des Qualitätsjournalismus wird es sein, auf die Ad-hoc-Attacken, die Einsprüche und die Ideen der Leser und Zuschauer dialogisch und im Sinne einer kritischen Partnerschaft zu reagieren. Es gilt, eine Art Mittelweg zu entdecken, der sich nicht opportunistisch einem vermeintlichen Publikumswillen und der Diktatur der Klickzahlen beugt oder aber selbst in die Abwertungsspirale einsteigt und jede kritische Regung pauschal als Shitstorm gekaufter Trolle oder dumpfes Grölen eines digitalen Mobs verunglimpft. Berechtigte Medienkritik und echte Grenzüberschreitungen (und die gibt es natürlich) sind aus dieser Perspektive unbedingt ernst zu nehmen – auch in dieser Hinsicht war die kürzlich erfolgte Entschuldigung von Thomas Roth (ARD) für Fehler in der Ukraine-Berichterstattung, die Zuschauern aufgefallen waren, ein positives Fanal. Und doch bleibt, mit Blick auf den laufenden Strukturwandel der Öffentlichkeit, grundsätzlich die Frage: Was heißt es, wenn die Medien als vierte Gewalt durch eine fünfte Gewalt in Gestalt des Publikums ergänzt wird, eine Gewalt, die sich selbst massiv öffentlich artikulieren und eine eigene Agenda durchsetzen kann? Wie wird sich das Beziehungsgefüge zwischen den Medien und ihrem Publikum insgesamt verändern?

All dies mag die Zukunft zeigen, aber Journalistinnen und Journalisten sind gerade jetzt, gerade in den Zeiten einer spürbaren Neuordnung der Kommunikations- und Machtverhältnisse existenziell auf gesellschaftliche Akzeptanz angewiesen. Sie brauchen eine Art Grundvertrauen als Grundlage ihrer Arbeit, denn sie selbst erzeugen, um eine erhellende Formulierung des Medienforschers Matthias Kohring aufzugreifen, Vertrauen durch Misstrauen, benötigen aber eben für die misstrauische Beschreibung kritikwürdiger Zustände selbst das Vertrauen ihres Publikums, weil sich nur so die Wirkung einer kritischen Enthüllung wirklich entfalten kann. Es besteht eine eigene Tragik darin, dass die pauschale Kritik die Qualitätsmedien in einem Moment trifft, in dem manche von ihnen um ihre Existenz kämpfen. Eigentlich müsste in diesen Zeiten die Solidarität besonders groß sein. Die Mode einer grassierenden Medienverdrossenheit ist in der gegenwärtigen Situation fatal. Sie vergiftet das Beziehungsklima, von dem guter Journalismus lebt.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Dieser Tage veröffentlichte er – gemeinsam mit Friedemann Schulz von Thun – das Buch "Kommunikation als Lebenskunst" (Carl Auer-Verlag)