Der Medienjournalist

Die Deutschen schauen zunehmend weniger Fernsehen, es sind nur noch 126 Minuten am Tag. Das heißt aber nicht, dass ein öffentlich-rechtlicher Jugendkanal im Internet ein Selbstgänger sein wird. ARD und ZDF treten gegen eine Vielzahl erfolgreicher YouTuber, Millionen Katzenvideos und Fail-Compilations an. Davon sollten sich die Verantwortlichen aber nicht ablenken lassen und sich stattdessen auf die Vorteile konzentrieren: Von den starren Plänen des linearen Programms befreit, bei dem eine Sendung pünktlich auf die andere folgen muss, können sie endlich ihr in Form und Länge einzementiertes Storytelling runderneuern. Dann bliebe die Netzkultur-Sendung 15 Minutes of Fame auf ZDFinfo kein Einzelfall mehr. In einem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal könnte man mit Mikro-Sendungen experimentieren, die sich im Netz entwickelt haben – wie etwa 140 Sekunden. Auch einfach drauflosproduzierte Formate wie Jung & naiv, das auf YouTube läuft, oder das Projekt Crowdspondent.de von zwei Videojournalistinnen wären für ARD und ZDF interessant. So bekämen die Sender endlich ein Testlabor, das weder mit EinsPlus noch mit ZDFneo einzurichten gelang.

Der Publizist

ARD und ZDF sind in einer einmaligen Lage. Sie haben fast unbegrenzt Zeit und Geld. Die gesetzlich garantierten Einnahmen im Rücken kundschaften sie mit ihrem Jugendkanal nun aus, was im Netz bei jungen Leuten ankommt. Einiges spricht dafür, dass wir den Beginn einer Verjüngungskur erleben. Als in den Achtzigern die Privatsender aufkamen, hat es den öffentlich-rechtlichen gut getan. Durch den Druck von haben sie sich schon einmal modernisiert.

Im Netz sind die härtesten Konkurrenten allerdings nicht mehr die großen Privat-TV-Sender. Die haben Fehler gemacht und sich zu sehr auf die einkommensschwachen Zuschauer konzentriert. So lassen sie ARD und ZDF viel Raum, und den werden die problemlos füllen, weil sie seit Jahren mehr Geld für gute Produktionen ausgeben, als sie im Ersten und Zweiten zeigen können. Ihr Keller steckt voll mit fantastischen Dokumentationen, und für die finden sie nun im Internet eine Abspielfläche.

Die größte Herausforderung sind dort die neuen Bewegtbildformate, allen voran bei YouTube. Wie stark diese Art des Fernsehens geworden ist, zeigt sich an der Werbung. Im Online-Video-Werbemarkt hat YouTube einen Marktanteil von bestimmt 70 Prozent.

Kleine Kanäle haben gegen YouTube auf der einen Seite und ARD und ZDF auf der anderen Seite nur geringe Chancen. Persönlich habe ich als TV-Journalist und Produzent gute Erfahrungen mit den Öffentlich-Rechtlichen gemacht. Aber aus Wettbewerbssicht ist dieses Oligopol problematisch.