Nach knapp zweihundert Stücken und ungefähr neun Stunden auf Tag und Nacht, Stillsitzen und Autofahren, Stubenhocken und Laufen durch die Berglandschaft verteilter Hörzeit: Zu welchem Sujet kehrt man am ehesten zurück bei den sämtlichen Klavierliedern von Richard Strauss? Unoriginell oder nicht, zu Blumen wohl und dieser doch ziemlich bekannten Textstelle aus Opus 10: "Stell auf den Tisch die duftenden Reseden / Die letzten roten Astern trag herbei, / Und lass uns wieder von der Liebe reden, / wie einst im Mai."

Das Lied heißt Allerseelen, wird gerne mal am Sonntagnachmittag im Radio gewünscht und steht in seiner scheinbaren Einfachheit für einige seiner Art. Wie ein Mantel umgibt einen die Melodie, und wenn drinnen der Stoff ein wenig scheuert, macht das nichts: Komme, was wolle, es ist gut. Und es kommt so einiges. Allerseelen im Gedicht von Hermann von Gilm zu Rosenegg, einem Juristen und Dichter aus Vorarlberg, den Gottfried Benn und Richard Strauss gleichermaßen mochten, ist ja nicht nur sentimentale Erinnerung, sondern auch genuine Totenbeschwörung, und man hört den doppelten Boden der Geschichte bei Strauss natürlich mit. Auf Subtexte verstand er sich fast von Anfang an.

Georginen, Zeitlose, Lilien, Rosen, Kornblumen, Mohnblumen, Efeu, schließlich die Wasserrose, weißer Jasmin: Lyrik gewordene Blumen waren für Strauss die perfekten Bildlieferanten für ein Zwei-, Drei-Minuten-Stück, jedenfalls von 1885 bis 1900, als der erste größere Schwung von Liedern entsteht. Woher er die Vorlage bezog, war Strauss, der am Lebenswegrand querbeet pflückte, was sich ihm bot, egal. Als er alt war, fand sich die Formulierung, er "reagiere sehr stark auf glückliche Worte". Wie er sich dennoch auch mit glücklichen Worten mindestens unmöglich, wenn nicht unglücklich machte, wird noch zu zeigen sein anhand dieser von der großen Strauss-Sängerin Brigitte Fassbaender initiierten und in Garmisch in einem Monat eingespielten Gesamtaufnahme aller Lieder (außer den Orchesterliedern).

Gelegenheit machte in seinem Fall jedenfalls Lieder: So beginnt der sechsjährige Knabe, lange bevor er den Es-Dur-Festmarsch, sein Opus 1, dem Onkel Georg von der Münchner Brauerei Pschorr widmet, mit einem Weihnachtslied nach dem schwäbischen Dichter Schubart und ist bereits vor der Pubertät bei Goethes Der Fischer angelangt ("Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; / Da war’s um ihn geschehen").

Strauss’ Bearbeitung geht einerseits noch Silbe für Silbe und also tastend vor, weist aber auch bereits einen Zug auf, der fortan das gesamte Œuvre bestimmen soll. Mit Beginn einer Darstellung oder Handlung, gleich, ob sinfonischen oder opernhaften Charakters, ist Strauss im Moment im Geschehen und hat das hergestellt, was man Stimmung nennt oder Flair. Schön oder schlimm? Der Augenblick bei Strauss braucht nie zu verweilen. In der Sekunde ist er erfasst. So gesehen, sind die Lieder schon auch Fingerübungen für alles, was an Großorchestralem kommt. Dass Strauss kaum mehr im Sinn hat, als seine Reflexe zu trainieren und Zeitvertreib zu haben, macht er in zweierlei Hinsicht deutlich: Zum einen bedeutet ihm Vertontes nach Goethe, Henckel, Hölderlin, Heine, Bierbaum oder Dehmel wirklich gleich viel. Er löst die Dinge nach Tagesform und nimmt nun gerade nicht alles beim Wort, sondern mehr nach dem Gesamteindruck. Zum anderen unterbricht er sein Liedschaffen, wenn Gewichtigeres anfällt.

Als in der Zusammenarbeit mit dem Librettisten Hugo von Hofmannsthal (von dem er seltsamerweise nie Lyrik Musik werden lässt) nach 1900 die herausragenden Opern kommen, hat Strauss weder Zeit noch Interesse für die kleine Form. Mit einer Ausnahme: 1918 wird ein sogenanntes Liederjahr, aber auch nur deshalb, weil der Verlag jetzt nach Material verlangt, das Strauss bereits lange vorher versprochen hatte. Was macht der Komponist? Er bittet den Kritiker Alfred Kerr um eine Lieferung, welche, wie zu diesem Zeitpunkt von Kerr nicht anders zu erwarten war, hauptsächlich aus gesammelten Ressentiments besteht. Wurstig streicht Strauss ein paar Terzsprünge und Pauschalitäten drunter, die er im kleinen Finger hat. Wenn die anderen ihn mal können, dann aber richtig. Die Hörfreude am Ergebnis hält sich in Grenzen.