Nein, so richtig ernst nimmt man sie nicht, die Pendlerzeitung 20 Minuten. Als "Kindersoldaten" werden ihre Journalisten von den Kollegen verlacht. Und die Chefs, obschon überhaupt nicht mundfaul, halten sich mit politischen Kommentaren auffallend zurück. Man will möglichst keinen der täglich zwei Millionen Leser vergraulen. Unterhaltung ist Trumpf. Kampagnen und Positionsbezüge überlässt man der Boulevardkonkurrenz von Blick und Blick am Abend.

Nun aber hat das Gratisblatt seine Zurückhaltung abgelegt. Vor wichtigen eidgenössischen Abstimmungen publiziert es jeweils mehrere Meinungsumfragen – und sorgt damit für mächtig Wirbel.

Als die Pendlerscharen diesen Dienstag schlaftrunken in die Zeitungsboxen griffen und ihr Leibblatt aufschlugen, erwartete sie keine Aufregerstory über twitternde SBB-Sprecher. Nein, von der Frontseite knallte es: Umfrage: 53 Prozent Ja-Stimmen für Ecopop. Ein hoch dosiertes Hallo-Wach!

Doch die Fragemethode von 20 Minuten entspricht alles andere als den bekannten Standards. Zwar stützen sich die Resultate auf die Angaben von 13.400 Teilnehmern. Im Unterschied zu telefonischen Umfragen sind diese Personen aber nicht zufällig ausgewählt; obschon dies das A und O jeder Meinungsumfrage ist, um stichfeste Resultate zu erhalten. So steht es jedenfalls im Statistiklehrbuch.

Trotzdem treffen die Meinungsumfragen von 20 Minuten erstaunlich oft ins Schwarze. Von den neun Abstimmungsergebnissen an drei unterschiedlichen Terminen lagen die jungen Politologen Lucas Leemann (University College London) und Fabio Wasserfallen (Universität Salzburg und Zürich) bei keiner einzigen falsch. Den Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative sagten sie sogar genauer voraus als das renommierte Institut gfs-Bern von Claude Longchamp. Allerdings gilt diese Treffsicherheit nur für die Umfragen, die Leemann und Wasserfallen kurz vor einer Abstimmung durchführten. Die ersten Umfrage waren jeweils kreuzfalsch. Auch weil die Kampagnen der Parteien und Verbände noch gar nicht angerollt waren.

Und genau hier kommt 20 Minuten ins politische Spiel. Nicht nur Hinz und Kunz, sondern auch die Kampagnensekretariate haben am Dienstagmorgen das Pendlerblatt gelesen. Andere Medien zitieren die Umfrage, die Kommentarspalten auf den Onlineportalen füllen sich. Aufruhr herrscht auf Twitter und Facebook über die 53-Prozent-Schlagzeile. Wollen die Schweizer am 30. November, wenn sie zur Urne schreiten, tatsächlich die Einwanderung auf durchschnittlich 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung beschränken? Und gleichzeitig im fernen Afrika für Abermillionen Präservative verteilen, um das Bevölkerungswachstum zu drosseln?

Noch bleiben sechs Wochen. Noch sind die Meinungen nicht gemacht. Und es ist unklar, wie genau die Werte der neuen Online-Umfrage einzuordnen sind. Es fehlt die Erfahrung.

Nur etwas ist jetzt schon klar – die Schweiz hat ein neues Leitmedium.

Bisher galt: Für die Meinungsführerschaft zählt nicht die schiere Auflage oder Reichweite. Es geht darum, ob ein Blatt zitiert wird, ob es zur Elitenlektüre gehört und wie viele eigene Quellen die Redaktion anzapfen kann. 20 Minuten beweist das Gegenteil. Durch die Kraft der hohen Auflage und über die Bande einer Meinungsumfrage schafft es die Pendlerzeitung, die politische Agenda zu besetzen.

An diesem Dienstagmorgen haben wohl einige Kollegen zum letzten Mal über "Kindersoldaten" gelacht.