Die Hosen der jungen Männer sitzen tief, die der Frauen eng. Bunte Kopftücher und Baseballkappen drehen sich zu einem Auto, das langsam vorbeirollt, die Fensterscheiben heruntergefahren, aus dem Inneren wummern Bässe.

Eine spätsommerliche Szene – nicht vor einer Kleinstadteisdiele, sondern auf dem Campus der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Dass die Männer und Frauen Studenten sind, sieht man ihnen nicht an, aber man kann es hören, wenn man die Begrüßung "Ey, Alder" und das darauffolgende Geräusch aneinanderklatschender Hände abwartet. Es ist dann die Rede von "Modulen", "Professoren", "Creditpoints".

So wenig elitär ist heute das Leben an einer deutschen Hochschule. "Fack ju Göhte" statt Humboldt.

Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen studiert. An den Hochschulen sind über 2,6 Millionen Studenten eingeschrieben, das sind rund 800.000 mehr als vor zwanzig Jahren. Im Wintersemester, das gerade begonnen hat, haben fast eine halbe Million junge Menschen ein Studium aufgenommen – mehr, als Auszubildende eine Lehre begonnen haben. Inzwischen geht die Hälfte eines Jahrgangs an die Uni, und die Studenten kommen aus allen Milieus. Es ist heute normal, dass im Hörsaal ein türkisches Arbeiterkind neben einem deutschen Professorensohn sitzt. 70 Prozent der Studenten an der Westfälischen Hochschule kommen aus Nichtakademikerfamilien, 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund.

In atemberaubendem Tempo verwandelt sich das Land in eine Akademikerrepublik. Bei der OECD werden sie das mit Genugtuung sehen. Die Industrieländerorganisation wirft Deutschland seit Langem vor, zu wenig Akademiker zu haben. Andere Staaten wie die USA oder die Niederlande haben, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, doppelt so viele. Jetzt holt Deutschland auf.

Das klingt modern, aber ist es auch gut? Werden nun tatsächlich immer mehr Menschen immer gebildeter – oder erkaufen wir uns den Fortschritt mit sinkenden Bildungsniveaus? Erleben wir gerade die explosive Vermehrung von Aufstiegschancen – oder den intellektuellen Abstieg der Nation der Dichter und Denker? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie aus immer mehr studierten Leuten besteht – wer macht dann noch die einfachen Arbeiten? Wenn selbst Hebammen, Altenpfleger und Erzieher einen Hochschulabschluss machen, wenn alle unsere Politiker studiert haben – fehlt diesem Land dann nicht womöglich etwas: eine gesunde Bodenständigkeit?

Heute könnten, wenn sie wollten, nahezu 70 Prozent aller Deutschen studieren. Die Berechtigung dazu kann man längst nicht mehr nur an Gymnasien erwerben, sondern auch an Gesamtschulen, Berufskollegs, Fachoberschulen. In Baden-Württemberg kommen inzwischen die meisten Studienanfänger über diese Wege an die Hochschule. Auch jeder, der einen Meistertitel oder eine abgeschlossene Berufsausbildung und Praxiserfahrung hat, darf studieren. An der Westfälischen Hochschule besitzen 60 Prozent der Studenten kein klassisches Abitur.

Man kann das als Bildungsgerechtigkeit bejubeln. Man kann sagen: Der Blick auf den Campus der Westfälischen Hochschule beweist, dass das soziale System Deutschlands endlich durchlässig wird. Oder man kann es sehen wie Julian Nida-Rümelin.

Nida-Rümelin ist Philosophie-Professor an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität in München. Vor zwölf Jahren gehörte er als Kulturstaatsminister zum Kabinett des Bildungsaufsteigers Gerhard Schröder. Julian Nida-Rümelin ist ein Mann der SPD, die in den siebziger Jahren den Slogan "Bildung für alle" erfand. Ausgerechnet dieser Mann hat nun ein wütendes Buch mit dem Titel Der Akademisierungswahn geschrieben. Er findet, die zunehmende Akademisierung sei ein "verhängnisvoller bildungsökonomischer Irrtum". Sie drohe die Unis zu ruinieren und die berufliche Bildung gleich mit.