Aktivistin auf dem Maidan in Kiew © Valentyn Ogirenko/Reuters

Fast ein Jahr ist es her, dass sich Hunderttausende Menschen auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, zusammenfanden, um gegen ihren damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch zu protestieren. Seine überraschende Ablehnung des Assoziierungsabkommens mit der EU war der Anlass, aber in den darauffolgenden Wochen gingen deshalb so viele Ukrainer auf die Straße, weil sie das System der Selbstbereicherung nicht mehr ertragen wollten. Sie demonstrierten erst friedlich, dann mit Gewalt, bis Janukowitsch sich im Februar nach Russland absetzte. Wer auf dem Maidan wichtig war, wurde anschließend für seinen Einsatz mit Ministerposten belohnt: Ein Arzt wurde Gesundheitsminister, ein gefolterter Aktivist Minister für Sport und Jugend, und Arseni Jazenjuk, der oft von der Bühne zu der Masse sprach, wurde Premierminister. Doch das Land sollte nicht zur Ruhe kommen. Es fing gerade an, sich zu sammeln, als Russland die Krim annektierte und einen Monat später in der Ostukraine den Krieg begann.

Wenn an diesem Sonntag die Ukrainer zum ersten Mal seit der Revolution ihr Parlament wählen, dann wird sich zeigen, was von der Maidan-Bewegung geblieben ist. Und ob sich das Land modernisieren kann, trotz des Kriegs, trotz der nach wie vor präsenten Vertreter des alten Systems.

Der Sieger der Parlamentswahl scheint festzustehen. Der Staatspräsident Petro Poroschenko hat seine Partei Block Poroschenko erst vor wenigen Wochen gegründet, dennoch wird sie zur stärksten Kraft werden. Poroschenko war von Anfang an beim Maidan dabei, und doch verkörpert er auch das System, gegen das sich die Proteste richten: ein Oligarch, der Janukowitsch als Minister gedient hat und dessen Vermögen auf Hunderte Millionen Euro geschätzt wird. Seinen privaten Fernsehkanal hat er selbst nach seiner Amtsübernahme nicht verkauft.

Aus Sorge, dass die Macht von einst die Politik weiter bestimmen könnte, wagen sich viele Maidan-Aktivisten zum ersten Mal in die Politik vor. Die meisten sind zwischen Anfang oder Mitte 30, und sie erinnern sich noch gut an die gescheiterte Orangene Revolution von 2004. Etliche Journalisten sind unter ihnen, einige Anwälte und Ökonomen. Viele Frauen gehören dazu.

Wenn man sie danach fragt, warum sie nun in die Parteipolitik wollen, dann ähneln sich die Antworten: weil nicht schon wieder die Chance eines Umbruchs vertan werden darf. Weil die Politik nie sauber werde, wenn nicht endlich jemand Sauberes komme und aufräume. Weil die jetzige Lage der Ukraine, die Annektion der Krim, der Krieg im Osten, das Ergebnis der Politik der alten Parteien sei.

Hanna Hopko entschied sich, für eine Partei zu kandidieren, die erst knapp zwei Jahre alt ist und daher in ihren Augen unbelastet. Selbsthilfe heißt sie, gegründet wurde sie von dem Lemberger Bürgermeister, der während des Maidan die Proteste in der Westukraine mitorganisierte. Bei den Kiewer Kommunalwahlen im Mai schnitt die Partei gut ab; dass sie es jetzt ins Parlament schafft, ist möglich, aber nicht sicher. Hopko kritisiert die Entscheidung anderer Aktivisten, sich Parteien zuzuwenden, die nicht für die Ideale des Maidan stünden, nur weil sie dort einen sicheren Listenplatz fänden.

Switlana Salischtschuk zum Beispiel, eine gute Bekannte von Hopko, tritt für den Block Poroschenko an. Fragt man Salischtschuk, ob sie nicht die Sorge habe, dass Poroschenko sie instrumentalisiere, antwortet sie: "Natürlich! Aber wir instrumentalisieren ja auch." Es ist ein Spiel des gegenseitigen Ausnutzens: Die Parteien schmücken sich mit den Aktivisten, die wiederum attackieren die Nomenklatura von einst. Sie wissen, dass sie ihr Ansehen aufs Spiel setzen, sie, die Guten, die nie Verantwortung übernehmen mussten in einem System, das sich 23 Jahre lang durch Korruption und Gewalt am Leben hielt.