Fast 3.000 Menschen folgen "Ritschy". Sie wollen von ihm wissen, wie er sein Geld vermehrt. Sie warten darauf, welche Aktie er als Nächstes kauft oder von welcher er lieber die Finger lässt. Auf der Social-Trading-Plattform Wikifolio aus Wien können sie jeden seiner Schritte nachverfolgen. Die meisten seiner Anhänger vertrauen ihm dort so sehr, dass sie seine Anlagestrategie einfach kopieren und insgesamt fast zehn Millionen Euro in Zertifikate gesteckt haben, die sein Kauf- und Verkaufsverhalten kopieren. Wikifolio legt solche Zertifikate gemeinsam mit dem Düsseldorfer Börsendienstleister Lang & Schwarz immer dann auf, wenn es Typen wie "Ritschy" gelingt, die Herde der Anleger von sich zu überzeugen. "Ritschy" hat drei verbriefte Portfolios, alle drei haben ihren Wert seit Frühling 2013 mehr als verdreifacht. Von Wikifolio bekommt "Ritschy" dafür eine Erfolgsprovision, in diesem Jahr wird für ihn wohl ein hoher fünfstelliger Betrag herausspringen.

Tausende Privatanleger begeben sich online lieber gemeinsam in die Hände von Menschen wie "Ritschy", als offline allein ihrem Bankberater zu vertrauen.

Wikifolio ist ein Tummelplatz für Menschen, die sich die Aktienanlage zutrauen, aber keine Zeit haben, sich selbst darum zu kümmern. So wie beim Kurznachrichtendienst Twitter vom Wissen anderer Nutzer wollen sie auf den Social-Trading-Plattformen von den Ideen anderer Investoren profitieren. Und Geld verdienen, indem sie das Kauf- und Verkaufsverhalten der erfolgreichsten Investoren nachahmen.

Seit der Gründung im Jahr 2012 haben sich über 20.000 User auf Wikifolio registriert, 5.700 haben ihre Strategien ins Schaufenster gestellt, 1.700 davon können Privatanleger als Zertifikate über die Börse Stuttgart kaufen oder verkaufen. Fast 100 Millionen Euro stecken derzeit in solchen Papieren, 60 Millionen mehr als Ende 2013.

"Ritschy", wie er sich auf Wikifolio nennt, heißt im wirklichen Leben Richard Dobertsberger. Er ist 33 Jahre alt und, bezogen auf das Geld, das seine Follower in seine Portfolios gesteckt haben, der erfolgreichste Investor auf der Plattform. Sein Handelssaal ist sein Arbeitszimmer. Von hier aus schaut er nicht auf ein Arsenal aus Bloomberg-Terminals, sondern über die Dächer des 14. Bezirks in Wien. Zwei Notebooks, dazwischen eine Ikea-Tischlampe, das war’s. Vor dem Balkon Bastmatten, mit denen er sich vor neugierigen Blicken schützt. Ein Börsenguru kommt anders daher, Dobertsberger ist kein einsamer Nerd, auch kein getriebener Daytrader oder adrenalinsüchtiger Hochfrequenzhändler, er hat nicht mal eine Vergangenheit in der Finanzbranche. Stattdessen hat er Molekularbiologie und Politikwissenschaft studiert. Er sagt, er brauche nicht viel, um sich auf dem Laufenden zu halten. "Eigentlich nur mein Smartphone."

Wenn Richard Dobertsberger nicht gerade an der Börse spekuliert, arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung eines großen Pharmaunternehmens. Mehr als zehn bis 15 Stunden in der Woche könne er sich daher nicht um die Börse kümmern, schließlich bilde er sich berufsbegleitend gerade noch zum MBA fort. Und eine Freundin, die habe er ja auch noch.

Dobertsberger unterhält drei Portfolios, die er auf der Plattform veröffentlicht hat und die Wikifolio in Zertifikaten verbrieft hat. Vor allem Technologieaktien und Pharmafirmen scheint er zu mögen. Tesla zum Beispiel, die US-Firma, die so schicke Elektroautos baut. Dobertsberger sagt, Typen wie Tesla-Gründer Elon Musk faszinierten ihn. Also saugt er jede Info über Tesla aus dem Netz, fährt den Sportwagen Probe, trifft Musk auf einer Konferenz in München. An der Börse gibt es viele Musk- und Tesla-Fans, die Aktie ist seit Anfang 2013 von 40 auf 230 Dollar geklettert. "Ritschy" war schon vorher dabei, er ist für 27 Dollar eingestiegen. Kürzlich hat er die Aktie verkauft. "Schade, aber zu teuer", sagt er. "Die Wahrscheinlichkeit, dass der Aktienkurs fällt, ist jetzt größer."

Richard Dobertsberger spricht viel in Wahrscheinlichkeiten. "Weil die Weltgesundheitsorganisation auf die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Ebola drängt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei eins zu sechs, dass es bald ein Mittel gegen das Virus gibt", sagt er. Und bis dahin würden die Medien das Thema Ebola und potenzielle Kandidaten für die Impfstoffentwicklung schon so lange pushen, dass auch der Kurs von Tekmira steige, einer Pharmafirma, von der Dobertsberger wissen will, dass sich ihr Serum in der klinischen Phase zwei ganz gut schlage. Und so gleicht der Kursverlauf der Aktie in etwa dem dramatischen Anstieg der Ebola-Toten in Afrika.

Können Sie eine Bilanz lesen?

Seit ich mit dem MBA angefangen habe, schon.

Würden Sie Zalando kaufen?

Nein!

Was machen Sie, wenn die Technologie-Blase platzt?

Dann habe ich den Vorteil, dass ich mich in der defensiven Pharmabranche auskenne.

Würden Sie ohne die Transparenz auf der Plattform Wikifolio stets ebenso handeln?

Vielleicht nicht. Wikifolio diszipliniert, weil ich mich auf eine klare Strategie festlegen muss – etwa wenn es darum geht, wie viel ich maximal bereit bin zu verlieren. Vor meinen Followern muss ich dann schon streng mit mir sein.

Sind Sie ein besserer Fondsmanager?

Das geht zu weit.