DIE ZEIT: Sie wurden 1912 geboren, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Heute sind Sie Internetunternehmerin, dazwischen liegen Welten.

Ella Balkow: Das kann man wohl sagen. Als Kind habe ich die Inflation erlebt: Meine Mutter hat mir einmal bei einem Ausflug 50 000 Mark für ein Getränk gegeben. Heute sammle ich im Internet per Crowdfunding Geld. Ich bin immer mit der Zeit gegangen.

ZEIT: Wofür sammeln Sie?

Balkow: Bevor ich diese Welt verlasse, will ich etwas Bleibendes schaffen: einen Kalender mit meinen Erinnerungen. Er wird aus zwölf Monatsblättern bestehen, und auf den Rückseiten erzähle ich zwölf Geschichten aus meinem Leben. Als Zeitzeugin habe ich viel zu erzählen. Ich möchte ein Stück Geschichte teilen.

ZEIT: Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, den Kalender über Crowdfunding zu finanzieren?

Balkow: Meine Enkelin hatte diesen Einfall. Viele Internetnutzer geben Geld, damit eine Idee verwirklicht werden kann – davon war ich gleich begeistert. Wir haben ein Video gedreht, in dem ich mein Projekt erkläre, und es ins Netz gestellt. Mittlerweile haben wir ungefähr 4.800 Euro beisammen. Dabei hatten wir nur mit 2.000 Euro gerechnet. Nun gehen wir in Druck.

ZEIT: Sind so viele alte Menschen im Internet unterwegs?

Balkow: Da wir das Medium der Jugend nutzen, um an die Vergangenheit zu erinnern, sprechen wir nicht nur Alte, sondern auch Junge an. Wir sorgen für einen Wissensaustausch zwischen den Generationen, das weckt anscheinend das Interesse vieler Nutzer.

ZEIT: Warum erzählen Sie ihr Leben erst jetzt?

Balkow: Vorher hatte ich keine Zeit dazu. Ich bin mit drei kleinen Kindern aus Posen geflüchtet und habe mir in Mönchengladbach ein neues Leben aufgebaut. Ich arbeitete als Rechtsanwaltsgehilfin und kümmerte mich um die Kinder. Erst als ich in Rente ging, fing ich an zu schreiben, für meine Enkel. Als sich der Beginn des Ersten Weltkriegs jetzt zum hundertsten Mal jährte, beschloss ich: Ich muss mich als Zeitzeugin zu Wort melden – daher der Kalender. Dabei hat mir das Internet ganz neue Möglichkeiten eröffnet.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Balkow: Wie hätte ich früher eine breite Öffentlichkeit für mein Projekt gewinnen sollen? Als mein Mann 1945 in Kriegsgefangenschaft kam, erfuhr ich nur durch Glück, dass er noch lebte. Ein Zettel, den er aus dem Zug geworfen hatte, erreichte mich, weil ein Bahnmitarbeiter ihn mir schickte. Heute schreibt man einfach eine Mail.

ZEIT: Sie haben aber gar keinen Internetanschluss.

Balkow: Das brauche ich auch nicht. Das Internet kommt zu mir. Meine Enkel und Urenkel besuchen mich mit ihren Tablets und Smartphones. Dann schauen wir uns die Welt im Netz gemeinsam an. Vor 15 Jahren wollte ich mir einen Computer anschaffen, aber ich dachte, das lohnt sich nicht mehr. Wenn ich damals geahnt hätte, dass ich so alt werde ...