Wer heute, 25 Jahre nach der Öffnung der Berliner Mauer, von der Bernauer Straße mit dem Auto in das nordwestliche Ende der Ackerstraße hineinfahren wollte, müsste einen Grenzdurchbruch riskieren. Er müsste einen rot-weiß gestreiften Pfahl über den Haufen fahren und käme dann wohl auf einem vom Vaterländischen Bauverein Ende der achtziger Jahre angelegten, mit Pflastersteinen eingerahmten, mehr sandigen als grünen Grünstreifen zum Stehen.

Damals war das hier das Ende der Welt, die Mauer trennte Ost- von West-Berlin, den russischen vom französischen Sektor. Auf diesem Grünstreifen, gleich an der Mauer, im alten Westen, dem Stadtteil Wedding gelegen, würde, davon musste man ausgehen, wohl nie mehr etwas passieren: In beigefarbene Wattejacken gewickelte Omas führten ihre Fiffis spazieren, die berühmten Mauerkarnickel hoppelten ihrer Wege. Heute wissen viele Bewohner des Ostteils der Ackerstraße gar nicht, dass die Straße noch einen Westteil hat: hier der hippe Osten, drüben der verschlafene Westen der Stadt. Und auf dem Weddinger Stück Grün lassen sich, eben weil es so arm und verloren daliegt, viele Jahrzehnte Deutschland und der ganze Irrsinn der deutschen Teilung besichtigen: Da steht ein lila Dixi-Klo. Ein Plakat auf einem Stromkasten fordert: "Nie wieder Krieg mit Russland!" Auf der Wand des Flachbaus, der 1963 als Haus der evangelischen Versöhnungsgemeinde errichtet wurde, liest man zweisprachig "Dokumentationszentrum/Documentation Centre". In einem Fenster, das aus einem abgeblätterten Siebziger-Jahre-Bau am Eck hervorschaut, stehen wie in einem Guckkasten zwischen Vorhang und Glasscheibe aufgereiht: Mecki-der-Hörzu-Igel, eine halb abgebrannte Bismarck-Kerze, ein Hertha-BSC-Wimpel, Kakteen, eine Gießkanne.

Die Straßenkreuzung Bernauer, Ecke Ackerstraße ist heute ein Touristen-Hotspot: Schulklassen stehen auf der Straße, die geführten Fahrradtouristen von "Berlin on Bike" sind auch schon da. Da ist ein Reststück der Berliner Mauer zu besichtigen und ein ehemaliger Wachtturm, vom Aussichtsturm des Dokumentationszentrums kann man auf ein Stück instand gehaltenen Todesstreifen gucken.

Ein kluger Touristenführer müsste dem notorischen Berlin-Wochenendbesucher natürlich die Bernauer-, Ecke Ackerstraße vorführen – hier wurden im August 1961 die ersten Meter der Mauer errichtet und 1990 in einem symbolischen Akt abgerissen. Dann aber, und hier beginnt unser Ausflug, wendet sich der Berlin-Führer nicht in Richtung Osten, in den viel gefeierten, von italienischen Feinkostboutiquen, Whiskyläden und hippen Kaffeebars durchsetzten östlichen Teil der Ackerstraße. Er läuft über den Grünstreifen hinweg in das nordwestliche Ende der Ackerstraße, den Wedding, den alten Westen Berlins hinein.

Ich kam um die Jahrtausendwende, also auch schon zehn Jahre nach Ende der deutschen Teilung, beim Joggen auf dem Weg zum nahe gelegenen Humboldthain zum ersten Mal an das westliche Ende der Ackerstraße – und konnte es schlicht nicht fassen: War das noch dieselbe Stadt? Und war das noch unsere Gegenwart, die aufgeregten, hektischen, mit Bedeutung und Geschichte aufgeblasenen Berliner nuller Jahre, oder lebten die Leute in diesem Straßenende in einer eigenen, längst vergangenen Zeit? Über die Jahre bin ich als joggender, also flüchtig vorbeilaufender Beobachter immer wieder in das nordwestliche Ende der Ackerstraße, eine der interessantesten Straßen im Zentrum Berlins, geraten: Was kann man in dieser merkwürdig stillen, wie abgehängt wirkenden Straße, einer Zeitkapsel, über den Gesamtzustand und die Gegenwart von Berlin erfahren?

Treffen mit Professor Axel Klausmeier, dem Direktor der Gedenkstätte Berliner Mauer. Der studierte Kunst- und Architekturhistoriker hat begeistert zugesagt, als sich endlich mal jemand für den oft missachteten, den westlichen Teil der Ackerstraße interessierte. Er möchte ein wenig den Architekturführer spielen. Klausmeier, ein sympathisch-lebhafter und heller Geist, freut sich über den Rummel vor seinem Dokumentationszentrum: "Ist doch unglaublich, was hier los ist." Und dann zeigt er auf den Grünstreifen: "Das ist West-Berlin pur. Man ging davon aus: Dieses Stück Straße braucht man nie mehr." Der Professor fasst die einzigartig disharmonische Stimmung dieser Straßenkreuzung in Worte: "Es ist hochinteressant, wie die beiden Stadtseiten sich bauhistorisch nicht getroffen haben." Die Mauer lebt schon deshalb fort, weil am westlichen Ende der Ackerstraße eine ganz neue Architektur losgeht.

Schritte in den Westen Berlins: Es ist hier, ganz plötzlich, wie in der Vorstadt. Verkehrsberuhigte Zone, Spielstraße. Viel Büsche und Grün. Man betritt ein architektonisches Ensemble, das des sozialen Wohnungsbaus aus den sechziger, siebziger und frühen achtziger Jahren. Hier leben keine wohlhabenden Menschen, hier leben die Alten, die Geringverdiener, die Sozialfälle. Abgeblätterte Spritzbetonwände, kleine Fenster, enge Balkonkästen mit Geranien und Antennenschüsseln. Das könnte hier auch Gelsenkirchen, Essen, Braunschweig oder irgendeine Vorstadt im alten Westdeutschland sein. Die Radikalität des sozialen Wohnungsbaus – die ist, vom renovierten Gründerzeit-Historismus des neuen Osten Berlins kommend, ein Schock: Was hat man hier einmal alles neu, ganz grundsätzlich anders und für alle Zeiten besser machen wollen!

Kurzer architekturhistorischer Exkurs mit Professor Klausmeier: Wir stehen hier zwischen schlecht alt gewordenen Neubauten. Anfang der sechziger Jahre war im Brunnenviertel, den Straßen um das westliche Ende der Ackerstraße, das größte Sanierungsgebiet West-Berlins entstanden, es war nicht weniger als das Vorzeigegebiet der Berliner Stadtentwicklung. Die Mietshäuser der 1890er Jahre wurden abgerissen, die Bewohner umgesiedelt (zum Beispiel ins neu errichtete Märkische Viertel). Der bauliche Neuanfang hatte natürlich auch eine politische Dimension: Auf der östlichen Seite sprengte man Häuser für den Todesstreifen, im Westen, gleich hinter der Mauer, sollte sozialer Wohnungsbau entstehen. Das neue Viertel sollte ein Symbol für die moderne Bundesrepublik sein und der DDR, dem Staat hinter der Mauer, die eigene Aufbauleistung demonstrieren. Gleichzeitig waren große Bauvorhaben natürlich immer auch ein Programm gegen die Entvölkerung West-Berlins und ein Zeichen dafür, dass man die eingemauerte Stadt nicht aufgeben würde. In einer Regierungserklärung von Bürgermeister Willy Brandt hieß das im Jahr 1963: "Die Aufgabe lautet, den freien Teil der Stadt zur geistigen Hauptstadt des Volkes zu entwickeln. (...) Wir wollen hauptstädtisch bauen, denn unser politisches Ziel soll auch in unseren Bauten erkennbar sein."