Er will keinen Saft als süße Beimischung. Obwohl er weiß, das Medikament schmeckt bitter. "Nur Wasser", sagt er. Roger Sagner sitzt auf der Kante eines Sofas. Durch die Fenster hinter ihm kann man die Bäume im Garten sehen. Seine Familie ist da, ein paar Freunde sind gekommen. Die meisten stehen, als er das große Henkelglas mit der milchigen Flüssigkeit in die Hand nimmt. 90 Kapseln, einzeln per Hand geöffnet. Sie enthielten Pentobarbital, ein schnell wirkendes Schlafmittel.

Roger Sagner hat Krebs und nur noch wenige Monate zu leben. Das haben ihm zwei Ärzte bescheinigt. Sie haben ihn aufgeklärt über die Alternativen: schmerzlindernde Mittel und eine Betreuung im Hospiz bis zu seinem natürlichen Tod. Doch Roger Sagner wollte das nicht. Nach zwei Wochen Bedenkzeit ließ er sich das Rezept für das Pentobarbital ausstellen. Er hat es selbst in der Apotheke abgeholt und bezahlt.

"Roger, du weißt, was dieses Medikament macht?", fragt einer der Anwesenden. "Es wird mich töten und glücklich machen", sagt er. "Du kannst Dich noch anders entscheiden." – "Meine Entscheidung ist klar." Dann setzt Sagner das Glas an, trinkt es in einem Zug aus und legt sich zur Seite. Seine drei Kinder sitzen neben ihm und streicheln ihm den Arm. "Es war einfach, Leute, es war einfach."

Das sind die letzten Worte, die Roger Sagner spricht im Film "How to die in Oregon" ("Wie man in Oregon stirbt"). Der amerikanische Regisseur Peter Richardson hat in dem Dokumentarfilm Menschen auf dem Weg in den selbst gewählten Tod begleitet. Wer ihn sieht, muss stark sein, denn er wird die Bilder kaum vergessen. Dennoch sollten ihn sich viele Deutsche anschauen.

Das gilt vor allem für die 631 Abgeordneten des Bundestages. Sie müssen darüber abstimmen, ob das, was Richardson dokumentiert hat, auch in Deutschland Wirklichkeit werden soll. Ein Jahr lang wollen sich die Parlamentarier Zeit lassen, um über ein Gesetz zur Sterbehilfe zu beraten. Am übernächsten Donnerstag findet dazu die erste große Aussprache statt. Dem Parlament steht, so viel ist schon jetzt klar, eine sehr persönliche Debatte bevor. Politiker werden über ihre Begegnung mit Leiden und Tod und über ihre Einstellung zum Leben sprechen. Sie werden darüber streiten, was der Einzelne für sich entscheiden darf und wo die Gesellschaft seiner Selbstbestimmung Grenzen setzen muss. Und dabei werden sie über Oregon reden.

In dem Bundesstaat im Nordwesten der USA beschlossen die Bürger vor genau 20 Jahren per Referendum, dass Ärzte Todkranken beim Sterben helfen dürfen. Es war der erste Staat weltweit, der 1994 die ärztlich unterstützte Selbsttötung mit dem Death with Dignity Act erlaubte. Heute weiß man nirgendwo sonst so viel über Menschen, die angesichts einer unheilbaren Krankheit den Tod wählen, wie hier zwischen Portland und Medford.

Wo immer man weltweit über die staatlich sanktionierte Hilfe zum Sterben streitet, blickt man deshalb nach Oregon. Die amerikanischen Bundesstaaten Washington und Vermont haben das "Sterben-in-Würde-Gesetz" mittlerweile quasi wortgleich übernommen. Das britische Parlament diskutiert einen Gesetzentwurf des ehemaligen Justizministers Charles Falconer, dem Oregon als Modell diente.