Askari-Relief im Tansania-Park in Hamburg-Jenfeld © dpa

Eigentlich soll sich Staatsrat Wolfgang Schmidt um die ganz großen Dinge kümmern. Er ist Hamburgs Mann in Berlin, zuständig für die Beziehungen zum Bund, zu Europa und zum Rest der Welt. Wenn der Staatsrat, der ein großes, helles Büro im Regierungsviertel hat, über das Denkmal spricht, klingt er ratlos. Ein "Nischenthema" sei das Denkmal, sagt Schmidt, manchmal würde er es am liebsten verschwinden lassen, einlagern, einen Bulldozer hinschicken.

Aber ausgerechnet dieses Nischenthema beschäftigt nun den Mann für die ganz großen Dinge. Und das ist nur ein kurioses Detail der an Kuriositäten so reichen Geschichte des Hamburger Askari-Denkmals. Einer Geschichte voller Grotesken: Schill-Senatoren, falsche tansanische Stimmen, Bundeswehr-Blaskapellen, wuchernde Brennnesseln und am Schluss eine erstaunliche Wende.

Das Denkmal also. Es steht 250 Kilometer entfernt von Schmidts Berliner Büro, in Hamburg-Jenfeld. Deutsch-Ostafrika-Kriegerdenkmal. So hieß es 1939, als es die Nationalsozialisten als Teil der Lettow-Vorbeck-Kaserne errichteten. Heute werden die beiden Terrakotta-Blöcke meist Askari-Reliefs genannt. Sie zeigen einen deutschen Kolonialsoldaten und afrikanische Söldner, die sogenannten Askari. Eine Hommage der Nazis an die deutsche Kolonialherrschaft.

Wenn man die Reliefs nun zu einer Erinnerungsstätte machen will – und darum geht es in dieser bizarren Angelegenheit –, muss man sich überlegen, woran sie überhaupt erinnern sollen, an die Nazizeit, an den Kolonialismus oder an beides.

Hamburg arbeitet sein koloniales Erbe auf und setzt damit Maßstäbe

Absurd ist nur: Als die Askari-Reliefs 2002 in Jenfeld aufgestellt wurden, spielten diese Fragen für die Befürworter keine Rolle. Der Kulturkreis Jenfeld e. V., angeführt von einem pensionierten Malermeister, wollte die Reliefs unbedingt in Jenfeld haben, einfach damit der Stadtteil auch endlich mal etwas zu bieten hat. Hamburgs damaliger Bausenator Mario Mettbach, Schill-Partei, unterstützte den Plan. Der Malermeister ist inzwischen tot. Mettbach ist politisch tot. So richtig kann keiner mehr sagen, was das sollte mit den Askari.

Aber plötzlich standen sie eben da.

Und bereiten seitdem Kopfzerbrechen. Beschäftigen Anwohner, Historiker, Professoren und sogar den Staatsrat in Berlin. Über alles ist gestritten worden: Was soll aus den Reliefs werden? Soll es Schautafeln geben? Was soll draufstehen? Wie soll die Grünfläche heißen, auf der das Denkmal steht? Tansania-Park oder Bayume-Mohamed-Hussein-Park? Geschichtsgarten Hamburg-Tansania oder Gedächtnisstätte Deutscher Kolonialismus in Afrika? Und wer soll eigentlich den Rasen mähen? So geht das seit mehr als zehn Jahren.

Jetzt gibt es eine Lösung. Eine ziemlich große Lösung. Die Stadt arbeitet ihre koloniale Vergangenheit auf – und stellt dafür 400.000 Euro bereit. Damit setzt Hamburg Maßstäbe, deutschlandweit, sogar international. Dieser Senatsbeschluss zur Aufarbeitung des kolonialen Erbes, verabschiedet im Juli, wäre ohne den Streit in Jenfeld kaum zustande gekommen. Das ist schon komisch. Oft scheitern ehrgeizige Pläne am Klein-Klein des politischen Alltags. Dies hier ist die umgekehrte Geschichte: Aus einem jahrelangen Klein-Klein wurde, fast wie versehentlich, ein immenses Projekt.

Der Mann, der sich darum kümmern soll, ist Historiker an der Hamburger Uni. Staatsrat Schmidt war es, der vor zwei Jahren bei Jürgen Zimmerer anrief und ihn bat, sich die Askari anzuschauen. Seither ist Zimmerer bestimmt zehnmal in Jenfeld gewesen, jetzt ist er schon wieder da. Er zeigt auf die Askari, die mit ihren drei Metern eineinhalbmal so hoch sind wie er selbst. Er sagt: "Man müsste erst einmal herausfinden, wofür die Askari-Reliefs überhaupt stehen." Er soll nun eine Tagung organisieren, auf der alle etwas zu den Askari sagen sollen, die etwas zu den Askari sagen wollen.

Zimmerer trägt ein graues Jackett und einen Wanderrucksack. Was passend ist. Leicht ist es nicht, zu den Reliefs zu kommen. Sie stehen, versteckt hinter Rhododendren, Birken und Stacheldraht, am Rand einer Brache, genauer: des ehemaligen Kasernengeländes, auf dem bald ein gigantisches Wohnprojekt entstehen soll, die Jenfelder Au. Um durch das Tor in den überwucherten Park zu den Askari zu gelangen, braucht man einen Schlüssel. Dort finden sich neben den Reliefs auch noch ein Ehrenmal für gefallene Kolonialsoldaten, vier verwitterte Holzbänke und unzählige Brennnesseln.

Zimmerer deutet auf die nach hinten gewandten Augen des deutschen Soldaten und auf die geballte Faust, die den nationalsozialistischen Anspruch auf das verlorene Kolonialreich signalisieren soll. "Die Askari-Reliefs sind sowohl ein kolonialrevisionistisches Denkmal als auch ein nationalsozialistisch-expansionistisches", sagt er. Aber was sollen sie jetzt signalisieren, hier in Jenfeld? Zimmerer weiß es auch nicht. Statt einer Antwort erzählt er, wie ihm ein Uni-Kollege vor dem Projekt gewarnt habe: "Das ist eine ganz absurde Geschichte, lassen Sie die Finger davon."

Richtig los ging die Geschichte Ende der Neunziger, als die Bundeswehr die Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld räumte. Plötzlich waren da diese Reliefs, politisch anrüchig, aber auch rätselhaft: Keiner wusste, warum die Nazis den Afrikanern ein Denkmal gesetzt hatten. Man ließ die Reliefs verschwinden, lagerte sie ein, bei einem Steinmetz in Seevetal. Dann hatten die konservativen Mitglieder des Traditionsverbands ehemaliger Schutz- und Überseetruppen eine Idee: Sie schlugen vor, die Askari am Elbhang aufzustellen, auf der Terrasse des Privatmuseums von Ex-Springer-Chef Peter Tamm. Als Willkommensgruß an einfahrende Schiffe. Die Idee fand keinen Anklang, außer bei Tamm.

In Jenfeld wiederum hatte sich der pensionierte Malermeister mit seinem Heimatverein gemeldet und wollte die Reliefs unbedingt zurückholen – irgendeine Attraktion brauche schließlich jedes Viertel. Und so schlimm sei doch die deutsche Kolonialherrschaft gar nicht gewesen. Gleich neben dem Schutztruppen-Ehrenmal sollten die Reliefs ihren Platz finden und, um dem Ganzen einen pazifistischen Anstrich zu geben, mit dem tansanischen Expo-Pavillon kombiniert werden. Der Senat gab, motiviert von Senator Mettbach, 25.000 Euro dazu. Kuriose Randnotiz: Die benachbarten Kasernengebäude waren zwischenzeitlich zur Unterkunft für Asylbewerber geworden.