Bislang sind die Deutschen Kreditkartenmuffel. Nach Angaben des EHI, eines Forschungsinstituts des deutschen Einzelhandels, werden nur 5,4 Prozent des Umsatzes in den Geschäften mit Kreditkarte bezahlt. Deutlich beliebter sind EC-Karten mit 36,5 Prozent. Favorit ist aber immer noch das Bargeld: 54,4 Prozent des Umsatzes werden damit beglichen. Zwar sinkt dieser Anteil stetig, das EHI rechnet aber damit, dass er erst in drei oder vier Jahren unter die 50-Prozent-Marke rutschen dürfte. In den USA, den Niederlanden oder in Skandinavien ist das Zahlen mit Karte schon heute deutlich weiter verbreitet. Vor allem Schweden ist auf dem Weg in eine bargeldlose Gesellschaft.

Davon ist man hierzulande noch ein gutes Stück entfernt. Schon gängige Redensarten wie "Bargeld lacht" oder "Nur Bares ist Wahres" deuten darauf hin, dass die Deutschen ihre Vorliebe für Münzen und Scheine weiterhin hochhalten. "Bargeld hat in Deutschland traditionell einen hohen Stellenwert", ist Jürgen Moormann überzeugt, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management. Es werde als sicher empfunden. Laut Bundesbank führen Männer mehr Bargeld mit sich als Frauen, Ältere mehr als Jüngere.

Derweil wird die Anzahl neuer Zahlverfahren immer größer. Einige Unternehmen arbeiten an der Idee des kontaktlosen Bezahlens, zum Beispiel mit dem Smartphone oder einer Smartwatch, wie Apple sie kürzlich vorgestellt hat. Dabei wird das Geld zum Beispiel mithilfe spezieller Funkstandards abgebucht. Zu diesem Zweck entwickeln die Hersteller schicke neue Geräte, die in den Medien oft ein großes Tamtam verursachen. Derzeit laufen im Handel zwar nur Pilotprojekte, aber der Bank- und Prozessexperte Moormann rechnet damit, dass unsere Art zu bezahlen sich langfristig fundamental ändern könnte. Horst Rüter, Mitglied der EHI-Geschäftsleitung, erwartet, dass das sogenannte mobile payment vor allem für kleinere Beträge genutzt werden wird – die bisher meistens in bar bezahlt werden. "Wenn sich mobile Bezahlsysteme etablieren, wird der Anteil des Bargeldes spürbar sinken", so Rüter.

Ist es also doch an der Zeit, dem Bargeld langsam Lebewohl zu sagen? Auf keinen Fall, sagt Verbraucherschützer Pauli, Scheine und Münzen hätten einige wichtige Vorteile: Bargeld stehe jedem Menschen als Zahlungsmittel zur Verfügung. "Man muss nicht erst einen Vertrag mit einem Zahlungsdienstleister abschließen, um Bargeld nutzen zu können", so Pauli. Und eine Studie der Bundesbank hat gezeigt, dass vor allem Verbraucher mit begrenztem Budget lieber in bar bezahlen. Wer Schulden vermeiden will, schaut also häufiger nach, was er noch im Portemonnaie hat – oder eben nicht mehr. Diesen Bürgern hilft Bargeld, den Überblick über ihre Ausgaben zu behalten.

Ein weiteres Argument, das in Zeiten von Amazon und Co. immer mehr Anhänger gewinnt: Bargeld ist anonym und schützt seinen Benutzer vor der Beobachtung durch Dritte. Scheine und Münzen hinterlassen keine Datenspuren. Und je mehr Unternehmen und Geheimdienste sich alle erdenklichen Informationen über das Kaufverhalten sichern und Personenprofile erstellen, desto größer wird dieser Vorteil. Anbieter elektronischer Zahlungssysteme beteuern zwar gebetsmühlenartig, dass die Daten ihrer Kunden sicher seien, aber die Erfahrung zeigt, dass sich immer wieder neue Sicherheitslücken auftun. Der beste Datenschutz ist daher, die Daten erst gar nicht entstehen zu lassen. Bargeld hilft dabei.

Vom russischen Dichter Dostojewski stammt das Zitat: Geld ist geprägte Freiheit. Heute sollte man wohl ergänzen: Bargeld ist geprägte Freiheit.