Dass ein junger, als Journalist tätiger Mann gerne und viel trinkt, Wein, Champagner und was es so gibt an feinen Alkoholika, dass er im Lauf der Jahre immer mehr, immer abhängiger trinkt, bis sich sein Leben dem Takt von Trinkgelegenheiten und ihren Nachwirkungen unterwirft und er vor der Wahl steht zwischen schwerer Alkoholsucht und radikaler Abstinenz, das ist noch nichts Besonderes. Jeder hat Leute im Bekanntenkreis, die mit dem Trinken nicht zurechtkommen. Auch als literarisches oder essayistisches Sujet ist das Trinken so wenig spektakulär wie unerhört.

In der Literaturgeschichte der Moderne herrscht, von Joseph Roth über Richard Yates bis zu Peter Wawerzinek, nicht gerade Mangel an Trinkerepisoden und Trinkerschicksalen, an Trinkern und Getränken. Ein Klassiker des Genres, Charles Jacksons Roman Das verlorene Wochenende aus dem Jahr 1944 kam gerade in einer deutschen Neuausgabe im Dörlemann Verlag heraus. Was dem Komasäufer Don Birnham in der Romangeschichte widerfährt, gilt wohl für sämtliche der literarischen Trinkergestalten: Alkohol umspült den Topos der Unbehaustheit und das Leiden an ihr.

Daniel Schreibers Buch Nüchtern beruht auf persönlicher Erfahrung und geht aus einer in der taz erschienenen Kolumne gleichen Titels hervor. Es ist ein ebenso energischer wie ehrlicher Essay. Er besitzt das Bezwingende schonungsloser, aber an keiner Stelle peinlicher oder gar exhibitionistischer Selbstabrechnung. Schreiber, Jahrgang 1977, renommierter Kunst- und Literaturkritiker, für längere Zeit in New York ansässig, Autor einer Susan-Sontag-Biografie, ehemaliger Kulturchef des Magazins Cicero, pflegte über ein knappes Jahrzehnt eine zunächst beglückende, zunehmend beängstigende Freundschaft mit dem alkoholischen Inhalt von Flaschen und Gläsern; auf zahllosen Reisen, im exzessiven Nachtleben, bei sich zu Hause. Im Arbeitsstress, nach dem Arbeitsstress. Weil es ihm besonders gut oder besonders schlecht ging und irgendwann halt ohne Anlass und Kontrolle.

Er zog die Notbremse, fand Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern und auf der Couch einer Psychoanalytikerin, krempelte sein Leben um. Das brachte ihm Ruhe, Langsamkeit und eine gewisse Demut vor den Unzulänglichkeiten des Daseins und der eigenen Beschaffenheit bei. Er fing mit Yoga an. An guten Tagen kann Daniel Schreiber mittlerweile Kopfstand. Und an allen Tagen wacht er ohne Dröhnen im Kopf auf, weil er nicht mehr trinkt. Dies ist, als autobiografische Folie des Textes, die ganze Geschichte, eine Art Allerweltsgeschichte. Dass Daniel Schreiber mit ihr neues, unbekanntes Terrain beträte, lässt sich, zumindest auf den ersten Blick, eigentlich nicht behaupten.

Und doch umgibt dieses Buch etwas Besonderes. Man liest es mit großer Spannung. Man liest es mit dem Eindruck, einen Erkenntnisraum zu betreten, der bis dahin im Halbdämmer lag und den Daniel Schreiber ausleuchtet. Es geht dabei gar nicht, oder nicht nur, ums Trinken. Auch nicht um die Schizophrenie der Gesellschaft, die den Alkoholgenuss kultiviert und kommerzialisiert, aber den Alkoholiker verachtet. Davon hatte man ebenfalls schon gehört. Nein, was Daniel Schreiber in seinem Essay ans Licht bringt, ist ein empfindliches Thema der Kulturgeschichte unserer Gegenwart: Die Dialektik der Abhängigkeit – woran auch immer sie gebunden ist, ob an Gummibärchen, Pornofilme oder Tweets, an narzisstischen Erfolg, an Zigaretten oder eben an Wein, Bier und Wodka.

Die ungute, ungesunde Seite der Abhängigkeit ist leicht zu begreifen. Sie kann Alltag, Leben und Psyche beschädigen, schlimmstenfalls zerstören. Aus Daniel Schreibers Erfahrungsbericht lässt sich aber auch ableiten, dass Sucht zugleich eine gegensätzliche Funktion erfüllt: Abhängigkeit stabilisiert. Sie verleiht dem Alltag ein Gerüst, dem Leben ordnende Kraft, sie gibt der Psyche einen Focus. Als normativer Imperativ, den das Subjekt aus sich heraus entwickelt – Du musst jetzt Mails lesen und dabei eine Zigarette anzünden! Du musst jetzt Schokolade essen! Du musst jetzt im Netz nackte Frauen oder Männer anschauen! Du musst jetzt ein Glas Rotwein trinken! –, gleicht Abhängigkeit den Mangel an äußerer, objektiv verbindlicher Lebensordnung aus. Die Regel, nach einer durchzechten Nacht vor dem Wegdämmern noch ein Portiönchen Aspirin einzuwerfen, wird von Medizinern nicht unbedingt begrüßt. Aber es ist immerhin eine feste Regel, die dem Heimschwankenden ein Ziel setzt. Jede Abhängigkeit, die harmloseste wie die fatalste, stellt eine Form individueller Selbstregulierung dar. Und sie ist deshalb das Merkmal einer Epoche deregulierter Kultur.

Die intellektuelle Reichweite von Nüchtern verdankt sich zum einen Schreibers klarem, dichtem Sprachstil. Vor allem aber der klassischen Form des Essays, der im strengen Sinn der Gattung niemals wirklich erzählt, sondern das, was es zu erzählen gibt, in die Reflexion darüber verlagert. Daniel Schreiber erlaubt dem Leser einen sehr nahen Blick auf seine Person, auf private, mitunter wenig schmeichelhafte Erfahrungen. Aber der Text, mit dem er dies tut, ist durchweg unanekdotisch. Dass er in Spitzenzeiten der Trinkerei Nächte mit anschließendem Filmriss oder halbe Wochenenden im kalten Badewasser verbrachte, wird niemals als Ereignis narrativ ausgemalt, sondern im Verlauf eines Gedankengangs erwähnt. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Er trennt die bekenntnishafte von der exemplarischen Darstellung.

Exemplarisch ist Schreibers Buch noch in anderer Hinsicht. Denn in nuce enthält es auch ein Gruppenporträt der in den siebziger Jahren Geborenen, die man als Generation Schnellstart bezeichnen könnte. Es ist eine Generation, die das Erwachsenenleben im Fieberklima der New Economy mit hochzielenden Erwartungen an Erfolg, ans Gelingen, vor allem an sich selbst mit enormer Umtriebigkeit und mit dem Blick auf ein neues Jahrtausend betrat. Man erkennt typische Vertreter dieser Generation im Gespräch zuverlässig daran, dass sie mit dem Ausdruck größten Interesses eine Frage stellen, dann aber Mühe haben, die Antwort abzuwarten.

Das Interessante am Fall der Schreiberschen Trinkerlaufbahn ist ja unter anderem, dass sie sich keineswegs in einem phlegmatisch unterspannten, erfolgsresistenten und bewegungsarmen Herr Lehmann- Leben vollzog. Sondern, im Gegenteil, in einem Leben, das man sich, in seiner Tages- wie in seiner Nachtform, als etwas überspannt, überproduktiv und überverausgabt vorstellen darf. Als Daniel Schreiber seine Biografie über Susan Sontag veröffentlichte, war er gerade dreißig Jahre alt. Er hatte mit glänzenden Stipendien in Berlin und New York studiert und so viele Ausstellungen besucht, Filme gesehen, Bücher gelesen, Künstler kennengelernt wie die lahme Vorgängergeneration der Nach-68er in der dreifachen Zeit.

Und nun hat er ein Buch über die Stolpergefahren verfasst, die sich auf der Strecke nach dem Schnellstart ergeben können. Daniel Schreibers harsche Kritik an der in puncto Alkohol verlogenen deutschen Gesellschaft ist diskussionsfähig, sein mitunter ein klein wenig missionarisches Lob der Abstinenz wohl nicht die stärkste Seite von Nüchtern. Die eigentliche Stärke liegt, alles in allem, in der Haltung, die dieser Essay einnimmt: der menschlichen Haltung gegenüber der menschlichen Schwäche.