Ach, wie schön doch Freiburg ist. Eine Stadt, von der Sonne verwöhnt, vom Schwarzwald umschlungen, niedlich verträumt. Guter Wein, nette Menschen, heile Welt. Eine Stadt, zu schön, um wahr zu sein.

In diesen Oktobertagen lernt die Republik erneut die Schattenseite von Freiburg kennen. Im Fokus steht der Dopingskandal am heimischen Universitätsklinikum, die Aufarbeitung des größten Sportbetrugs der westdeutschen Geschichte. Im Breisgau wurde systematisch gedopt, das steht fest. Aber es geht längst nicht mehr nur um die illegale medikamentöse Leistungssteigerung von einigen magentafarbenen Radfahrern. Es geht um mögliche Verstrickungen von Ministerien, um Vertuschungs- und Manipulationsvorwürfe, um Plagiate, um die Reputation der ganzen Universität.

Siebeneinhalb Jahre sind verstrichen, seit der Dopingskandal um das Team Telekom/T-Mobile ans Licht kam. Der damalige Rektor Wolfgang Jäger versprach Aufklärung. Er musste handeln, die Universität und ihr Klinikum standen unter enormem Druck. Deshalb berief er zwei Kommissionen ein. Die eine sollte unter anderem prüfen, ob stimmte, was der Spiegel über die Telekom-Radsportler enthüllt hatte. Vor fünf Jahren legte sie einen dürftigen Abschlussbericht vor. Die andere sollte sich mit der gesamten Vergangenheit der zwielichtigen Spitzensportschmiede beschäftigen. Sie ermittelt noch – und steht nach Angaben der Vorsitzenden Letizia Paoli kurz vor dem Abschluss.

Die Universität allerdings gibt nun vor, ihr dauere das alles viel zu lange. Der amtierende Rektor Hans-Jochen Schiewer verlangt endlich Ergebnisse. Die große Kommission solle der Universität zumindest die bislang fertiggestellten Einzelgutachten "in einer abschließenden Sitzung" übergeben, fordert Schiewer. Und danach möchte die Universität eine Forschungsstelle Sportmedizin einrichten – also auf eigene Faust weitermachen.

Diese Aufforderung hat den seit anderthalb Jahren schwelenden Streit zwischen dem Rektor und Germanisten Schiewer und der Aufklärerin Paoli endgültig eskalieren lassen. Es kracht gerade gewaltig im Breisgau. Und besonders erstaunlich ist, dass die Universität ausgerechnet zu einem Zeitpunkt den Abschluss der Ermittlungen fordert, nachdem Paoli brisante Enthüllungen über die Verstrickungen von Politik und Justiz angekündigt hat.

Die Italienerin Paoli, Kriminologin an der Universität Leuven in Belgien, wirft der Freiburger Hochschule offen Behinderungen ihrer Ermittlungsarbeit vor. Die Arbeit sei noch in vollem Gange, man dürfe nur fertige Gutachten freigeben, schrieb Paoli am vergangenen Freitag in einem offenen Brief an die Landesregierung. Lediglich zwei der geplanten acht Studien seien fertig. Die entscheidenden, etwa jene über die Sportmediziner Joseph Keul und Armin Klümper, allerdings noch nicht: Keul (im Jahr 2000 verstorben) und Klümper waren Protagonisten jener Freiburger Vorkommnisse. Sie genossen in Deutschland hohen politischen wie gesellschaftlichen Schutz. Während Keul sich geschickt mit Politikern vernetzt hatte und zum führenden deutschen Olympiaarzt aufgestiegen war, behandelte Klümper prominente Patienten in seiner Klinik, die ihm Stadt, Land und Bund 1982 gebaut hatten. Dopingvorwürfe prallten jahrzehntelang an beiden Medizinern ab, obwohl sie sich wechselseitig beschuldigt hatten, Athleten gedopt zu haben. Keul erhielt einst gar das Bundesverdienstkreuz erster Klasse, auf Vorschlag von Ministerpräsident Lothar Späth.

Zwänge nun die Universität die Kommission zum vorzeitigen Abschluss der Doping-Ermittlungen, schreibt die Kriminologin Paoli, hätte dies gravierende Folgen: Dann wäre die Kommission sowohl straf- wie datenschutzrechtlich verpflichtet, nahezu alle wichtigen Unterlagen seit 2007 zu vernichten. Alle Arbeit also für die Katz?