Sergej Eisenstein und sein "Panzerkreuzer Potemkin" auf einer russischen Briefmarke von 2000. Die Beschäftigung mit Eisenstein betrachte die neue Leitung nicht als Museumsaufgabe, heißt es.

Nicht erst seitdem ein Moskauer Gericht die Mitglieder einer Mädchen-Punkband ins Straflager geschickt hat, ist klar, welche Kunst und welche Künstler sich die russischen Autoritäten wünschen. Und welche nicht. Die Mitarbeiter des Moskauer Filmmuseums, eines der bedeutendsten der Welt, hatten wohl einfach gehofft, dass sie trotz dieses Klimas weiter ihre Arbeit machen können: das heißt, die 150.000 Objekte umfassende Sammlung für Ausstellungen, Publikationen und die Forschung zugänglich zu halten sowie Retrospektiven, Werkschauen und etwa fünfhundert Filmvorführungen pro Jahr zu organisieren.

Doch schon vor ein paar Monaten wurde klar, dass die kulturelle Säuberungswelle, die in den letzten Monaten viele missliebige, das heißt nicht für eine dekorative Staatskunst stehende russische Kulturinstitutionen erfasst hat, auch beim Kino angelangt ist. Am 1. Juli dieses Jahres trat ein Gesetz in Kraft, das unter anderem auch Film- und Fernsehproduktion einer als Sittlichkeitsprüfung kaschierten Zensur unterwirft. Zeitgleich berief der russische Kulturminister Wladimir Medinski als neue Leiterin des Filmmuseums Larissa Solonicina, eine Filmjournalistin, die keinerlei Qualifikation für den Posten besaß und die Stelle ohne Ausschreibung bekam. Anfang der Woche nun trat der gesamte Stab des Museums zurück und begründet diesen Schritt in einem offenen Brief an den Minister.

Was die zweiundzwanzig Kuratoren, Filmhistoriker und technischen Mitarbeiter beschreiben, liest sich wie die planmäßige Vernichtung einer Institution. Solonicina habe keinerlei Interesse am Museum, seiner Sammlung, seinen Aktivitäten gezeigt. Stattdessen habe sie systematisch Mitarbeiter verleumdet, erpresst, entlassen und die gesamte Arbeit des Museums zum Stillstand gebracht.

Der Urkern, aus dem das Moskauer Museum entstand und mit dem es weltberühmt wurde, ist das Sergej-Eisenstein-Archiv (ZEIT Nr. 33/14). Die Beschäftigung mit dem russischen Regisseur und Kinopionier betrachte die neue Leitung allerdings nicht als Aufgabe des Museums, sagt dessen früherer Leiter und jetziger Präsident Naum Kleiman gegenüber der ZEIT – mit mühsam unterdrückter Fassungslosigkeit. Und worin besteht die Aufgabe des russischen Filmmuseums, wenn schon nicht in der Erforschung der russischen Filmgeschichte? Solonicina habe einen auf Firmenliquidierungen spezialisierten Juristen ins Museum gebracht, sagt Naum Kleiman, der für seine unabhängige und weltoffene Haltung bekannt ist. "Wir haben das Gefühl, dass auch wir einfach liquidiert werden sollen."

Larissa Solonicina ist nebenbei auch Chefredakteurin der Zeitschrift des russischen Filmverbandes. Der wiederum wird von dem ultranationalen Regisseur Nikita Michalkow geleitet, einem Putin-Freund und Vertrauten des Kulturministers. In Moskau munkelt man, Michalkow habe seine ganz eigenen, auch immobiliären Interessen an einem Filmmuseum. Aber die Sache ist auch ohne diese Gerüchte ein Skandal.