DIE ZEIT: Hört sich an wie ein Traum: Sie reisen ohne Geld um die Welt. Wie stellen Sie das an?

Shantanu Starick: Ich bin Fotograf. Menschen buchen mich, weil sie Fotos von mir haben möchten. Das können Porträts sein, Hochzeitsfotos, Bilder für ein Start-up, ein Kochbuch oder ihre Webseite. Als Gegenleistung sorgen sie für mein materielles Wohl.

ZEIT: Und das funktioniert?

Starick: Immerhin schon seit über 28 Monaten. Mittlerweile melden sich so viele Leute bei mir, dass ich meine Reisen bis zu zwei Monate im Voraus planen kann.

ZEIT: Warum lassen Sie sich für Ihre Arbeit nicht einfach bezahlen?

Starick: Weil genau das mein Projekt ist. "The Pixel Trade" begann 2012. Damals studierte ich noch Architektur und verdiente nebenbei ganz gut mit Architekturfotografie. Ich wollte mich aber mehr aufs Fotografieren konzentrieren und etwas von der Welt sehen – allerdings ohne erst lange sparen zu müssen. Also fasste ich den Plan, eine Zeit lang ohne Geld zu leben und zu reisen. Um dem Ganzen einen Rahmen zu geben, habe ich Regeln aufgestellt, an die ich mich seitdem strikt halte.

ZEIT: Wie lauten diese Regeln?

Starick: Ich will alle sieben Kontinente bereisen, ohne Geld auszugeben. Meine Tauschpartner übernehmen die Verantwortung dafür, dass ich von A nach B komme. Sie müssen dafür sorgen, dass ich genug zu essen und zu trinken habe und einen Platz, an dem ich schlafen kann. Im Austausch dafür arbeite ich für sie.

ZEIT: Andere Studenten machen in den Semesterferien einfach Work and Travel – sie reisen und jobben unterwegs hier und da. Warum haben Sie ein so viel komplizierteres Konzept gewählt?

Starick: Sieben Kontinente bereisen, indem man fotografiert und damit das nötige Geld verdient: Das haben schon viele vor mir gemacht. Soll ich mit all denen konkurrieren? Ich wollte mein eigenes Konzept haben. Und dass die Leute sich für mich entscheiden, weil sie meine Arbeit mögen. Nicht, weil mein Tagessatz 5.000 Dollar beträgt und sie das beeindruckend finden.

ZEIT: Was spricht gegen hohe Tagessätze?

Starick: Überhaupt nichts. Auch wenn das viele Leute annehmen, ist mein Projekt keine Rebellion gegen das Wirtschaftssystem. Geld ist eine feine Sache. Aber ich glaube, dass persönliche Beziehungen auf der Strecke bleiben, wenn wir Geld zu viel Bedeutung beimessen.

ZEIT: Wie haben Sie sich auf die Reise vorbereitet?

Starick: Ich habe mein Auto verkauft und meine Sachen bei meinen Eltern eingelagert. Anschließend bin ich shoppen gegangen. Ich war in Sorge, dass mir unterwegs etwas fehlen könnte. Ein Objektiv zum Beispiel oder eine Regenjacke. Da wusste ich ja noch nicht, wie viele Tauschpartner ich finden und was diese mir anbieten würden.

ZEIT: Wer war dann Ihr erster Tauschpartner?

Starick: Ein befreundetes Paar aus England, das gerade nach Australien gezogen war. Sie ist Musikerin und brauchte Fotos, um ihre Musik zu promoten. Das Problem war, dass die beiden kaum jemanden kannten und nicht wussten, wohin sie mich als Nächstes schicken sollten. Es hat sich dann jemand aus meinem Freundeskreis gefunden.

ZEIT: Wie lernen Sie inzwischen Ihre Gastgeber kennen?

Starick: Vor allem über meine Website thepixeltrade.com. Dort findet man Informationen über mich und darüber, wohin ich als Nächstes reisen werde. Und man kann sich die Fotos anschauen, die ich für meine bisherigen Gastgeber gemacht habe. Die Homepage erzählt die Geschichte meiner Reise. Ich hoffe, dass potenzielle Tauschpartner so ein Gefühl dafür bekommen, wer ich bin. Vertrauen ist wichtig, wenn man sich einen Fremden ins Haus holt.

ZEIT: Die Menschen auf deiner Website wirken alle sympathisch und fröhlich. Sie wohnen an tollen Orten, haben interessante Jobs ...

Starick: Ich veröffentliche natürlich nur die Bilder, mit denen alle zufrieden sind. Die Webseite ist schließlich mein Aushängeschild.

ZEIT: Laden manche Leute Sie auch ein, weil sie selbst Teil des Fotoprojekts werden wollen?

Starick: Das kann durchaus sein. Aber ich glaube, im Grunde geht es bei Pixel Trade um etwas anderes. Als ich mir das Projekt ausdachte, meinte ich noch, dass die Reisen und die Fotos im Mittelpunkt stehen würden. Erst nach und nach wurde mir klar, dass ich mich in Wirklichkeit auf ein mehrjähriges anthropologisches Experiment eingelassen hatte.