DIE ZEIT: Wenn Sie eine Sachbuchautorin wären, hätte ich dreimal überlegt, ob ich dieses Gespräch mit Ihnen führe.

Martin Wehrle: Ich weiß, was die Öffentlichkeit bei einer Autorin rufen würde: Die ist parteiisch! Von diesem Verdacht bin ich als Mann frei.

ZEIT: Sie stellen sich hin und sagen, dass das Berufsleben einer Frau für jeden Mann ein Skandal wäre. Warum?

Wehrle: Weil ich die Ungerechtigkeit, die mir täglich begegnet, auf den Punkt bringen wollte. Ich habe ja den direkten Vergleich: Ich berate Männer, und ich berate Frauen – und was ich von Letzteren höre, hat mich schockiert.

ZEIT: Zum Beispiel?

Wehrle: Eine Frau kommt zu spät in ein Meeting, weil sie noch ein wichtiges Gespräch mit einem Lieferanten führen musste. Das sagt sie auch und entschuldigt sich. Trotzdem schauen die Kollegen sie böse an. Einem Mann passiert das Gleiche: Er platzt verspätet ins Meeting, erzählt aber von einem wichtigen Deal, den er in trockene Tücher gebracht habe. Die Kollegen applaudieren. Gleicher Vorgang – aber der Mann wird völlig anders bewertet als die Frau.

ZEIT: Die Frau verkauft sich aber auch anders.

Wehrle: Das mag sein. Das Problem ist nur: Würde sie dasselbe erzählen wie der Mann, würde ihr das auch nichts bringen. Dann hieße es gleich: "Die überspannt es aber." Wir beurteilen Verhalten nicht an sich, sondern nach dem Geschlecht. Deswegen haben Frauen es so schwer.

ZEIT: Wo ist das noch der Fall?

Wehrle: Natürlich beim Thema Schwangerschaft. Kein Mann wird im Vorstellungsgespräch verhört, ob er Kinder bekommen will oder nicht. Das aber passiert fast jeder Frau zwischen 19 und 49. Mir wird auch von vielen alltäglichen Situationen berichtet, in denen Frauen verweigert wird, was Männer selbstverständlich bekommen. Einer meiner Klientinnen wurde zum Beispiel erst einmal ein Dienstwagen angeboten, der deutlich kleiner war als der ihrer männlichen Kollegen. Keine Seltenheit ist auch, dass Frauen mit Kosenamen wie "Schätzchen" kleingemacht werden.

ZEIT: Dabei diskutieren wir derzeit intensiv über die Frauenquote, und viele Unternehmen haben sich für Frauenförderung ausgesprochen ...

Wehrle: Die Firmen pinseln ihre Fassaden rosarot an. Wenn Sie aber hinter diese Fassaden schauen, wie ich es als Karriereberater mache, erleben Sie ein böses Erwachen. Zum Beispiel wurde ich von einem Mittelständler um Rat gebeten, der mehr Frauen in Führungspositionen bringen wollte. Er hatte dafür einen ganzen Katalog von Maßnahmen von seinem Assistenten ausarbeiten lassen. Da habe ich ihn gefragt, ob er eigentlich schon einmal eine weibliche Assistentin gehabt habe.

ZEIT: Und?

Wehrle: Das hatte er nicht. Er betrieb eine florierende Aufzucht männlicher Alphatiere und sagte zugleich, er wolle mehr Frauen im Betrieb. Wenn solche Herren Zigarre rauchend in ihren Runden sitzen und über Frauenförderung reden, ist das, als sprächen Alkoholiker über ein Alkoholverbot.

ZEIT: Wie hat er sich den Mangel erklärt?

Wehrle: Er sagte, es würden sich kaum Frauen auf diese Ausschreibungen bewerben. Ich meinte: "Bestimmt sortiert Ihr Sekretariat die aus, weil man dort weiß, dass Sie Männer suchen." Er hat nachgeforscht – dem war tatsächlich so.

ZEIT: Was haben Sie noch erlebt?

Wehrle: In einer Niederlassung eines sehr großen Unternehmens stellte man fest, dass die Quote von Frauen in Führungspositionen deutlich unter dem Firmendurchschnitt lag. Und der lag schon bei nur 15 Prozent. Was tat der Niederlassungsleiter? Er bewertete die aktuellen Positionen der Frauen einfach neu. Am Ende konnte er eine überdurchschnittliche Frauenquote vorweisen – ohne eine einzige Frau befördert zu haben.

ZEIT: Sie beraten ja sowohl Firmen als auch Führungskräfte. Laufen die Gespräche mit Frauen anders als die mit Männern?

Wehrle: Frauen sind insgesamt offener für Beratung. Von den wenigen Frauen, die es in Führungspositionen gibt, kommen daher überdurchschnittlich viele.

ZEIT: Und um welche Themen geht es?

Wehrle: Männerthemen sind oft Machtthemen: "Ich habe einen Konkurrenten, wie kann ich mich positionieren? Wie kann ich meine Stärken, die ohne Zweifel vorhanden sind, ins richtige Licht rücken?" Frauen hinterfragen sich eher: "Ich habe da ein Angebot – aber soll ich das überhaupt annehmen? Habe ich Lust, 14 Stunden täglich zu arbeiten und mich mit diesen Männern herumzuschlagen?" Wenn ich mir die jetzigen Strukturen ansehe, kann ich nur sagen: Ich verstehe das.

ZEIT: Denken Sie auch manchmal: "Mensch, Frau, mach das doch einfach anders, wie blöd verhältst du dich gerade"?

Wehrle: In dieser Form ist das ein Gedanke, den man als Berater unterdrücken sollte. Aber ich denke schon öfter: "Jetzt bringst du so eine super Leistung in deinem Job und fragst dich noch, ob du dich eine Ebene höher bewerben kannst?" Während ich bei Männern gelegentlich eher denke: "Menschenskind, woher nimmst du bei deiner Qualifikation den Mut, dich auf diese Stelle zu bewerben?"

ZEIT: Liegt es also doch auch an den Frauen selbst, dass sie nicht weiterkommen?

Wehrle: Die Verantwortung in der derzeitigen Situation den Frauen zuzuschieben wäre so, als würde man jemandem, bei dem gerade eingebrochen wurde, sagen: "Selber schuld, du hattest die Tür ja nicht mit einem Dreifachschloss gesichert." Den Frauen wird der Anspruch auf eine faire Behandlung geraubt. Das muss sich gesamtgesellschaftlich ändern.