Laut dem neuen Gender Gap Report ist noch in keinem Land der Welt eine echte Gleichberechtigung von Männern und Frauen erreicht.

Deutschland auf Platz zwölf. Im Weltfußball würden die Bundesbürger das zu Recht als Katastrophe werten. Und würde der langjährige Exportweltmeister in der globalen Handelsstatistik auf diese Position herabsinken, wäre die Republik in heller Aufregung. Doch geht es um die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Wirtschaft, dann scheint diese mittelmäßige Platzierung dem Land allemal gut genug zu sein.

Gerade hat das Genfer World Economic Forum einmal mehr seinen weltweiten Bericht über den Graben zwischen den Geschlechtern veröffentlicht. Und Deutschland rangiert wie üblich nicht unter den ersten zehn Volkswirtschaften in diesem Global Gender Gap Report. Was für eine Schande.

Es wäre noch nicht so schlimm, weil manche Kategorien nicht so entscheidend sind. Ob jetzt wie in manchen skandinavischen Ländern sechzig Prozent der Studenten weiblich sind oder wie in Deutschland nur rund die Hälfte, ist noch kein Zeichen großen Nachholbedarfs zwischen Rhein und Oder. Doch die größte deutsche Schwäche liegt leider genau dort, wo es zählt – bei den Möglichkeiten der Frauen am Arbeitsmarkt.

Schon bei den Gehältern kommt Deutschland und kommen die hiesigen Frauen schlecht weg: Für die gleiche oder ähnliche Arbeit erhalten weibliche Arbeiter und Angestellte oft deutlich weniger Geld als die männlichen Kollegen. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten werden hierzulande schlechter bewertet als etwa in der Schweiz. Besonders traurig sieht Deutschland aber aus, wenn es darum geht, wie stark Frauen in die Führung der an der Börse gehandelten Großunternehmen eingebunden sind.

Nirgends ist der Geschlechtergraben so tief wie in den Vorständen dieser Aktiengesellschaften. Drei Prozent der dortigen Manager sind weiblich, sagt die Statistik des World Economic Forum. Andere Auswertungen kommen auf vier bis fünf Prozent, aber sei es drum. An der Spitze jedes zehnten US-Konzerns steht eine Frau, darunter so berühmte Managerinnen wie Indra Nooyi, die Chefin von Pepsi, oder Sheryl Sandberg, die Geschäftsführerin von Facebook. In Schweden oder dem angeblich so wenig progressiven Frankreich, das mit Christine Lagarde sogar die Chefin des Internationalen Währungsfonds stellt, sind es fast zwanzig Prozent. Und wirklich beschämen sollte es die deutschen Konzernmänner, dass sogar in den Vorständen der Türkei – in einem Land, das partout nicht in die Reihen der EU aufgenommen werden soll – der Frauenanteil doppelt so hoch ist.

Lange hatten die 30 deutschen Dax-Unternehmen eine ganz klare Geschlechtertrennung: 100 zu 0. Die Männer wussten: Frauen im Vorstandszimmer konnte man um Kaffee bitten. Ganz so schlimm ist es seit rund fünf Jahren nicht mehr. Doch auch dort hat sich zuletzt wenig bewegt, weil nur einige Frauen kamen und ähnlich viele auch wieder gehen mussten.

Die großen Fehler wurden aber nicht in den vergangenen zwei Jahren begangen, sondern in den zwei Jahrzehnten zuvor, als die Chefs unter sich blieben und den Frauen die letzten Schritte nach oben systematisch verwehrten. Die Begründungen waren immer dieselben, und sie waren zynisch: Es gibt keine geeigneten Frauen. Die wollen gar nicht nach ganz oben. Die haben keine Vorstandserfahrung. Natürlich gab es Frauen, die mindestens so gut waren wie männliche Vorstände und an die Spitze wollten. Doch wie sollten sie Vorstandserfahrung vorweisen, wenn es an der Spitze von Konzernen lange kaum eine Frau gab.

Anders ist es im Mittelstand, dessen Führung heute schon zu dreißig Prozent weiblich ist. Und das nicht nur bei den kleinen Klitschen. Viele der großen Familienfirmen werden von Frauen geleitet, und wer würde behaupten, dass zum Beispiel der führende Maschinenbauer Trumpf schlechter geworden ist, seit Nicola Leibinger-Kammüller ihn führt. Im Gegenteil, sie hat das Unternehmen durch eine der flexibelsten Arbeitszeitregelungen der Republik zur Attraktion für junge Talente gemacht.

Es wird einsam um die Männer, die an den Konzernspitzen gern unter sich blieben. Sie haben die Erkenntnis verschlafen oder verdrängt, dass es sich betriebs- wie volkswirtschaftlich lohnt, die Besten aus beiden Geschlechtern an die Spitze zu holen.

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