Es klingelt, und du schlurfst zur Tür. Dracula, natürlich. Wer sonst. Steht vor dir, keuchend, ist ja hoch bis in den vierten Stock. Der Mund verschmiert, nicht von Blut, sondern von Schokolade. Das Acrylcape hängt schlaff um die schmalen Schultern, an den Turnschuhen klebt Laub. Seine Gruft muss in Planten un Blomen liegen. Oder in deinem Vorgarten.

Du weißt, was jetzt kommt, es ist jedes Jahr das Gleiche. Halloween, Tausende Kinder ziehen verkleidet durch die Stadt, Quälgeister der Süßigkeitenerpressung. Auch dieses Jahr keine höfliche Bitte – ein Befehl:

"SÜSSES ODER SAURES!"

Aber wie Dracula jetzt so vor dir steht, die kleine Hand mit theatralischem Zittern ausgestreckt (er macht das ganz gut, irgendwas zwischen Method Acting und Nosferatu), da wirst du auf einmal ganz traurig. Am liebsten würdest du dich zu ihm hinunterbeugen, ihm in die schattigen Augen schauen und sagen: Kleiner, weißt du eigentlich, dass du überhaupt nicht gruselig bist? Das einzig Schreckliche an dir ist, dass du mit fünf schon zur Speerspitze der kapitalistischen Verwertung gehörst. 200 Millionen Euro wird die Spielwarenindustrie mit dir und deinesgleichen dieses Jahr allein in Deutschland umsetzen. 500.000 Halloween-Kostüme, 850.000 Schminksets, fünf Millionen Accessoires.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber das sagst du nicht, sondern drückst ihm wortlos eine Tüte Haribo-Horror-Mix in die Hand. Karies für die Fangzähne. Verdammt, jetzt hast du zur Melancholie auch noch ein Schuldgefühl. Und in diesem Moment regt sich unter all dem Frust über Klingelorgien, tonnenweise ausgeteilte Gummibärchen und mit Hundekot verschmierte Fußmatten, da regt sich ein Zorn.

Halloween! Das könnte doch ein großartiges Spektakel sein, gerade hier in Hamburg! Wann sonst ergibt sich so eine Gelegenheit für ehrgeizige Eltern? Eine neue Kombination von gesellschaftskritischer Erziehung mit kindlicher Politisierung und Grusel im Harry-Potter-Stil – auf diese Weise könnte der alte keltische, von den Iren nach Amerika eingeschleppte und dann 1991 vom Verband der Pappnasen- und Furzkissenhersteller nach Deutschland importierte Ritus wieder wirkliche Bedeutung kriegen.

Kids, wollt ihr nur Bonbons grabschende Pseudomonster sein? Oder wollt ihr uns wirklich das Fürchten lehren? Wollt ihr Papa bleich werden sehen wie einst Bela Lugosi, Mama schreien hören wie die scream queens des frühen Horrorfilms?

Zugegeben, wir Hamburger sind nicht leicht zu erschrecken. Mit Schauergestalten kennen wir uns aus. Die AfD: der Frankenstein der Hamburger Politik, zusammengetackert aus den Überresten von Pro-Partei, Statt-Partei und anderen Wutbürgertums-Trümmern. Die FDP: eine Fraktion im Blutrausch, in der sich die Mitglieder gegenseitig weg- und niederbeißen. Ronald Schill: ein Zombie, der sich mit Big Brother-Auftritten und peinlichen Memoiren selbst ausweidet. Der HSV: ein Untoter in der Kellergruft der Bundesliga. Und ist Mareile Kirsch nicht auch eine Wiedergängerin, die die Bürger heimsucht mit ihrer nicht tot zu kriegenden G-9-Idee?