Bis heute Grenzregion: Der Harz ist immer noch aufgeteilt in Ost und West © Thomas Peter/Reuters

Im Harz hält die Wiedervereinigung wochentags nur bis 12.50 Uhr. Dann läutet die Glocke des Gymnasiums im niedersächsischen Braunlage, und die Jungen und Mädchen machen sich auf den Heimweg. Plötzlich bietet sich wieder ein Bild der Teilung: Die Schüler aus Braunlage laufen zu Fuß nach Hause. Die aus Benneckenstein, Sachsen-Anhalt, hingegen steigen in einen gecharterten Bus; und wenn unter der Landstraße das Flüsschen Warme Bode vorbeirauscht, ziemlich genau nach der Hälfte des Weges, haben sie die ehemalige deutsch-deutsche Grenze überquert.

So geht das, seitdem vor einigen Jahren Eltern aus dem sachsen-anhaltinischen Teil des Harzes sich entschieden, ihre Kinder nicht ins doppelt so weit entfernte Gymnasium in Wernigerode zu schicken. Die 30 Kilometer dorthin führen über den Berg und sind an Wintertagen manchmal unpassierbar. Hinzu kommt: Ohne die Schüler aus dem Osten wären die Klassen des West-Gymnasiums längst zu klein.

Es ist nicht leicht, sein Kind in einem anderen Bundesland zur Schule anzumelden. Doch dies ist keine Geschichte über mutige Eltern, die sich dem föderalen Schulsystem widersetzen. Es ist eine Geschichte über den Stand der Wiedervereinigung im vielleicht deutschesten aller deutschen Mittelgebirge, das sich über Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und einen Zipfel Thüringens erstreckt und dessen höchster Berg, der Brocken, einst im Sperrgebiet lag. Denn 25 Jahre nach der Grenzöffnung tut sich hier etwas schier Unerhörtes: Der Westen ist auf den Osten angewiesen. Und wagt es, das offen einzugestehen.

Es geht um weit mehr als nur gemischte Schulklassen. Es geht um neue Grenzen, besser gesagt: darum, sie zu verschieben. Oliver Junk, Oberbürgermeister von Goslar in Niedersachsen, möchte den ganzen Harz zu einer Einheit machen – zusammengefügt aus den Landkreisen Goslar im Westen und Teilen des Kreises Harz im Osten, dazu der Kreis Nordhausen in Thüringen.

Er will diesen "Großkreis Harz" nicht aus romantischen Gründen schaffen, sondern weil sein eigener Landkreis zu klein und zu verschuldet ist, um auf Dauer zu überleben. Mit jedem Menschen, der stirbt oder wegzieht, bekommt der Kreis 995 Euro weniger aus dem kommunalen Finanzausgleich. Die Zeit drängt, und im eigenen Bundesland gehen die möglichen Partner aus: Der Kreis Osterode im Süden fusioniert lieber mit dem Kreis Göttingen, Wolfenbüttel im Norden will zu Helmstedt gehören. "Es kann nicht sein, dass der Landkreis Goslar irgendwann ganz allein dasteht", sagt Junk. Bleibt der Blick nach Osten.

Eigentlich könnte der Harz leichter zusammenwachsen als andere Regionen entlang des früheren Grenzstreifens. Die Identität als Harzer eint die Menschen. Gleich nach der Wende lebte der 1886 gegründete Harzklub, ein Heimatverein, auch im Osten wieder auf. Seitdem der Bergbau verschwunden ist, sind beide Seiten gänzlich abhängig vom Tourismus. Und beide kämpfen gegen ein Image, das viel mit röhrenden Hirschen, Wanderstrümpfen und Häkeldeckchen zu tun hat. Vor allem aber müssen die Städte und Landkreise auf beiden Seiten mit ansehen, wie ihre Bevölkerung schrumpft. Wer nicht gerade in der Hotellerie arbeiten will, geht nach der Schule weg, meist für immer.

Alle im Harz sollten ihre Chancen gemeinsam nutzen, ohne "rückwärtsgewandte Neiddebatten", hat Oberbürgermeister Junk vorgeschlagen. Doch die Idee, die da plötzlich im Raum steht, bedeutet eine Umkehr der Verhältnisse. Dass der Westen etwas vom Osten will, das ist neu. Nach der Wende wurden die neuen Bundesländer zwar größtenteils freundlich, aber doch eher mit einem Gefühl der Überlegenheit empfangen. Der östliche Harz holte sich bei den westlichen Nachbarn Tipps, wie mit dem neuen System umzugehen sei. Es ist eine reizvolle Vorstellung, dass sich ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall das Verhältnis von großem und kleinem Bruder umdrehen könnte.