Die Facebook-Einladung klingt unverfänglich, das Motto lautet "Gemeinsam sind wir stark". Am Samstag, dem 15. November, wolle man sich von 14 bis 18 Uhr nahe dem Hamburger Hauptbahnhof treffen, "weitere Infos werden FOLGEN". Vergangenen Montagabend wurde der Termin bei Facebook eingestellt, bis Dienstagabend hatten schon mehr als 6.000 Teilnehmer zugesagt. Eingeladen hatte die Facebook-Gruppe HoGeSa.

Bis zum vergangenen Wochenende kannte kaum jemand das Kürzel. Doch die Krawalle am Kölner Hauptbahnhof haben die "Hooligans gegen Salafisten" schlagartig bekannt gemacht. Beflügelt vom Verlauf des Sonntags, planen die Hooligans bereits ihre nächsten Aktionen. Es kursieren Gerüchte, dass sie sich am 9. November einer rechtsextremen Demonstration vor dem Kanzleramt anschließen könnten. Die Öffentlichkeit reagiert geschockt. Innenpolitiker wollen Gesetze verschärfen und Demonstrationen verbieten. Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen warnt davor, dass sich Konflikte zwischen Hooligans und Salafisten "auf unseren Straßen weiter aufschaukeln" könnten. Und rechtsextreme Strategen jubeln.

In der Tat gelang ihnen am vergangenen Wochenende in Köln mit mehr als 4.000 Demonstranten, denen nur gut tausend überrumpelt wirkende Polizisten gegenüberstanden, ihr größter Auftritt seit Langem. Anders als sonst bei rechtsextremen Aufmärschen schafften es die prügelerfahrenen Hooligans, Polizeiketten zurückzudrängen und einen Einsatzwagen umzuwerfen. Am Wochenende zeigte sich, wovor Experten schon länger warnen: dass sich militante Männermilieus – Rechtsextreme, Rocker, Hooligans – auf gefährliche Weise verbinden und durchmischen. Schon Ende 2012 vernetzten sich auf Initiative des Dortmunder Szeneveteranen Siegfried Borchardt ("SS-Siggi") bundesweit fast 20 Hooligangruppen. Gemeinsame Aktionen, früher undenkbar, häufen sich seitdem – nun also gegen Islamisten. Einen dauerhaften Aufschwung aber dürfte das kaum bedeuten. Denn in Köln vereinten sich zwei Szenen, die sich beide eher im Abschwung befinden.

Die Hooligans hatten ihre große Zeit in den achtziger und neunziger Jahren, als sie die Fußball-Fankultur maßgeblich prägten. Junge Männer lebten hier ihre Aggression in Revierkämpfen gegen Fans anderer Clubs aus. Nicht alle waren rechtsextrem, aber es gab reihenweise Verbindungen in die Neonaziszene. Im vergangenen Jahrzehnt hat jedoch in den Stadien die Szene der Ultras mehr und mehr an Einfluss gewonnen. Ein Gutteil versteht sich als explizit links und antirassistisch.

Ähnlich zurückgedrängt wie die Hooligans sehen sich viele Rechtsextreme. Die NPD ist seit Jahren im Niedergang, interne Intrigen und Finanzaffären lähmen sie, zuletzt verlor sie in Sachsen ihre lukrativen Landtagsmandate. Ihr Versuch, durch moderates Auftreten in neue Wählerschichten vorzudringen, ist mit dem Aufkommen der Alternative für Deutschland passé – bürgerliche Wähler, die für latenten Rassismus anfällig sind, stimmen nun für die AfD. Viele militante Rechtsextreme haben sich längst von der NPD losgesagt. Als Auffangbecken dient beispielsweise die Kleinpartei Die Rechte, die der Hamburger Neonazi Christian Worch vor zweieinhalb Jahren gründete. Auch die Führungskader verbotener Neonazi-Kameradschaften, etwa aus Nordrhein-Westfalen, sammeln sich dort.

Diese Militanten, die Kontakte zu Rockern und Hooligans pflegen oder gar selbst dazugehören, haben das rabiate Auftreten gegen Islamisten als Thema identifiziert, das nicht nur die eigene Anhängerschaft mobilisiert und einen dankbaren Anlass für Schlägereien bietet, sondern auch auf Sympathien in der breiten Öffentlichkeit hoffen lässt. Die Aktionen würden in geschlossenen Internetforen geplant, berichtete im Sommer das Fachmagazin Der Rechte Rand: "Anstelle uns immer gegenseitig auf die Nase zu hauen, was auch Spaß macht, müssen wir, was Deutschland angeht, Seit an Seit stehen", habe da ein Teilnehmer plädiert. Einer regte an, auf Islamistenveranstaltungen Schweineblut zu verspritzen. Ein anderer Vorschlag, "Hals umdrehen und peng", stieß auf Widerspruch: "Das wäre schon zu viel Körperkontakt ... gleich ›peng‹ reicht." Auch der strategische Sinn der Aktionen wurde dort erörtert: "Die Omis müssen uns lieb haben."

Erste Testläufe zur Kölner Demonstration fanden zu Jahresbeginn statt. Im Februar und März störten Hooligans Kundgebungen des Salafisten-Predigers Pierre Vogel in Mönchengladbach und Mannheim. Es kam zu Zusammenstößen, fünf Polizeibeamte wurden leicht verletzt. Doch die Sicherheitsbehörden haben diese Entwicklung offenkundig unterschätzt. So sprach die Zentrale Informationsstelle der Polizei für Sporteinsätze (ZIS) in ihrem letzten Jahresbericht von einer "weiterhin vergleichsweise geringen Schnittmenge im rechtsmotivierten Bereich". Die Gesamtzahl rechter Hooligans bezifferte sie auf bundesweit 400 – zur Demo in Köln kamen mehr als zehnmal so viele.

Kurzfristig mag es nun einen Aufschwung dieser durchmischten Szene geben. Bilder wie die vom Wochenende motivieren Hooligans zusätzlich. Aber schon der nächste Aufmarsch – in Berlin, Hamburg oder anderswo – wird wohl nicht ablaufen wie der in Köln. Die Polizei dürfte besser vorbereitet, die Gegendemonstration größer sein. Das schrecke Hooligans eher ab, meint der Extremismusforscher Jan Schedler von der Uni Bochum, der die rechte Szene in Nordrhein-Westfalen seit Jahren untersucht. "Die meisten Hooligans sind nicht politisiert. Sie wollen nicht einfach ihre Meinung auf die Straße bringen, sie wollen sich prügeln", sagt Schedler. "Wenn klar ist, dass es bei künftigen Veranstaltungen eine stärkere Polizeipräsenz gibt, werden weniger Hooligans kommen."

Von pauschalen Demonstrationsverboten hält Schedler nichts. Besser seien strenge Auflagen, wie sie die Behörden bei rechtsextremen Demos jetzt schon vorsehen: Teilnehmer müssen sich einzeln einer Leibesvisitation unterziehen, bekommen Schuhe oder Jacken abgenommen, wenn diese von bestimmten Szenemarken sind. Oft warten sie stundenlang eingekesselt in der Kälte, bevor sie losmarschieren dürfen – um dann von Sitzblockaden gestoppt zu werden. Die Rechtsextremen, die gern die Schlagkraft der Hooligans auf der Straße instrumentalisieren wollen, dürften somit bald auflaufen.

Mitarbeit: Johannes Radke