Danach fühlt sich sein Körper jedes Mal gut an; sein Geist ist erfrischt, seine Laune besser. Seit 20 Jahren schon genießt Johannes Michalak die wohltuende Wirkung von Meditation und Qigong. Doch die Erfahrung reichte dem Psychologen von der Universität Witten/Herdecke nicht. Der Wissenschaftler wollte die segensreichen Auswirkungen der Körperarbeit auf das Bewusstsein objektiv vermessen. Inzwischen belegen nicht nur Michalaks Untersuchungen: Die Art und Weise, wie wir unseren Körper bewegen, beeinflusst die Stimmung.

In der Körperhaltung drückt sich der emotionale Zustand des Menschen aus. Am langsamen, schlurfenden Gang und leicht nach vorn geneigten Rumpf ist niedergeschlagene Stimmung schon von Weitem erkennbar. Umgekehrt wirkt Sport gegen Depressionen oft so gut wie Antidepressiva. Was aber ist für diese Wirkung ausschlaggebend? Die körperliche Aktivität, der Stolz auf das Geleistete oder vielleicht die straffere Körperhaltung?

Johannes Michalak und seine Kollegen von der kanadischen Queen’s University luden 47 Studenten ins Bewegungslabor. Die Kandidaten stiegen auf ein Laufband, auf das 17 Kameras gerichtet waren. Die nahmen 120 Mal pro Sekunde jeden Schritt auf, daraus wurde ein Bewegungsmuster errechnet und die Gangart als Zeigerausschlag auf einem Monitor visualisiert. Mithilfe dieser Rückkoppelungsschleife erlernten die Studenten in wenigen Minuten depressives oder fröhlich-beschwingtes Gehen. Dann erhielten alle negative und positive Kommentare ("schön", "mutig", "freundlich", "ängstlich", "still", "dumm"). Acht Minuten später wurde unangekündigt ein Gedächtnistest durchgeführt. War die Gangart frohgemut, hatten sich die Probanden mehr positive Begriffe gemerkt; schlurften sie depressiv dahin, merkten sie sich eher die negativen Wörter. Offenbar veränderte die Körperhaltung die Tendenz, positive oder negative Informationen zu verarbeiten.

Das Ergebnis passt zu einer Reihe von Versuchen, bei denen über den Körper die Stimmung manipuliert wurde. So ließen deutsche Forscher Probanden auf einen quer im Mund liegenden Stift beißen, während diese sich Cartoons ansahen. Der Biss aktivierte dieselben Muskeln wie ein Lächeln und steigerte gegenüber lachmuskelblockierten Probanden das Vergnügen am Testmaterial.

Die Frage ist: Kann diese körperliche Intervention auch depressiven Patienten helfen? Forscher von der Medizinischen Hochschule Hannover lähmten mit Botox-Injektionen die Zornesfalte an der Stirn von depressiven Menschen. Tatsächlich hellte sich sechs Wochen nach der Behandlung bei 60 Prozent der Behandelten die Stimmung deutlich auf. Und jüngst wies Johannes Michalak nach, dass aufrechtes Sitzen eine Depressionen lindert und Kauern dazu führt, sich eher negative Sätze zu merken.

Die Erklärung steckt in der innigen Verzahnung der körperlichen und psychischen Reizverarbeitung. Nach einem Netzwerkmodell manifestiert sich depressives Denken in verschiedenen Systemen des Gehirns – dem sprachlichen Informationszentrum, dem Speicher für Bildeindrücke und den Verbindungen zwischen Körperzuständen und Emotionen. "Wenn ich einen Teil des Netzwerks aktiviere", sagt Michalak, "dann verbreitet sich die Aktivierung auf die anderen Knoten." Deshalb lässt sich das System aus unterschiedlichen Richtungen angreifen und verändern. Bringe man jemanden in eine negative Stimmung, dann bewege er sich anders, und offenbar gelte dies auch umgekehrt.

Hallt nun bald durch Büroflure der Ruf "Sitzt gerade!"? "Es kommt auf die Art und Weise an, mit der jemand das vermittelt", sagt Michalak. "Ich vermutet, dass eine autoritäre Aufforderung nicht nützlich ist." Etwas anderes sei der dezente Hinweis auf die Zusammenhänge von Körpereinsatz und geistiger Verfassung. Und nicht immer sei es richtig, gegen negative Emotion anzuarbeiten. In manchen Situation sei es sinnvoll, eine Haltung entsprechend der aktuellen Stimmung einzunehmen. "Wenn jemand einen Misserfolg hat und eine entsprechende Sitzhaltung einnimmt", sagt Michalak, "dann kann er sich eher von dem Misserfolg lösen."

Vermehrt untersuchen Kognitionswissenschaftler die Interaktion des Körpers mit der Psyche. "Ohne Körper kein Bewusstsein" ist ihr neues Credo. Dieses "Embodiment" verschafft vielen körperorientierten Therapiekonzepten ein wissenschaftliches Fundament. Werden jetzt Menschen während der Psychotherapie vor dem Spiegel verschiedene Gangarten üben? Noch sei es insgesamt zu früh, sagt Michalak, um zu beurteilen, welchen Stellenwert diese Stimmungskontrolle für die Praxis habe. Wichtiger als der Kampf gegen unangenehme Emotionen sei es, ein Bewusstsein für den Körper zu schaffen. An dieser Stelle macht sich bemerkbar, dass der Psychologe lange Jahre auch in der Achtsamkeitsforschung aktiv war. Es gehe darum, die Auswirkungen der eigenen Körperhaltung zu spüren – und vielleicht einmal aus stereotypen Bewegungsmustern auszubrechen.

Anmerkung der Redaktion, 7. November 2014: In der gedruckten Fassung dieses Artikels war zu lesen, dass Johannes Michalak durch aufrechtes Sitzen "seine" Depression lindere. In diesen Satz ist leider ein "s" zu viel gerutscht. Der Wissenschaftler von der Universität Witten/Herdecke hatte nicht seine eigene Stimmung gebessert, vielmehr hatte er in einer Studie einen Einfluss auf depressive Patienten allgemein nachgewiesen. Wir haben das hier korrigiert.