Es gibt keinen Krieg mehr. Allenfalls "Kriegsähnliches", sinnierte der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Für seinen Vorgänger Franz Josef Jung war Afghanistan ein "Stabilisierungseinsatz". Die Kanzlerin machte einen "nicht internationalen bewaffneten Konflikt" aus. Beliebt ist der Einsatz gegen die "humanitäre Katastrophe", mit dem Putin den Raub der Krim verklärte. Einst "Vater aller Dinge", ist der Krieg zum Waisenkind geworden.

Es ist nicht bloß sprachpolitische Feigheit, welche die Verschleierung nährt. Jahrhundertelang ein eindeutiger Begriff, passt "Krieg" nicht zur Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Sind die Bombenflüge gegen den "Islamischen Staat" (IS) "Krieg"? Führen chinesische Hacker "Krieg" gegen Amerika? War die "humanitäre Intervention" gegen Serbien und Libyen das Gleiche wie der deutsche Balkanfeldzug und die Wüstenschlacht um Nordafrika in den vierziger Jahren?

"Krieg" war einst ein hoch organisierter, hierarchisch geführter Akt kollektiver Gewalt: Armee gegen Armee, Staat gegen Staat. So war es nach 1945 noch in Korea, im Sues-, Sechstage- und Jom-Kippur-Krieg – mit Hunderttausenden von Uniformierten am Zügel der Staatsmacht. Doch der letzte "richtige" Krieg war der irakisch-iranische von 1980 bis 1988. Er dauerte länger als der Zweite Weltkrieg und war mit über einer Million Gefallener um Größenordnungen blutiger als alle arabisch-israelischen Waffengänge zusammen.

Längst aber hatte der Krieg einen anderen Weg eingeschlagen.

Schon Jahrzehnte zuvor – in Algerien und Vietnam – waren klassische Heere auf Nichtarmeen gestoßen, die sich so wenig ums Kriegsrecht wie um Zivilisten kümmerten. In Afghanistan verloren die Sowjets 15.000 Mann, die Mudschahedin 90.000. Doch nach neun Jahren gab Moskau auf. Franzosen und Amerikaner erlitten das gleiche Schicksal in Algerien und Vietnam, obwohl sie je 600.000 Soldaten aufgeboten hatten.

Heute kopieren die Großen die Kleinen. In der Ukraine sickern russische Speznas-Elitesoldaten als "grüne Männchen" ohne Hoheitsabzeichen ein. Amerikanische Special Forces klären auf, markieren Ziele und kämpfen – in kleinen verstreuten Trupps, gekleidet wie die Einheimischen. Die CIA hat sich eine eigene Black-Ops-Truppe zugelegt – siehe Homeland.

Das neue Vokabular – "kriegsähnlich", "Stabilisierungseinsatz" – mag verharmlosend sein, aber der Kriegsgott Mars zeigt tatsächlich ein neues Gesicht. Wo einst Bomber dröhnten, surren Drohnen, um Terror-Häuptlinge zu töten. Auf der anderen Seite mordet der Terror gezielt Zivilisten, vor allem die eigenen. Beliebte Vernichtungsobjekte sind die Moscheen des jeweils anderen Bekenntnisses. Der IS versklavt christliche, schiitische und jesidische Frauen. Der Terror ist zur "Terror Inc." geworden, die sich mit Lösegeld, Ölverkäufen und Drogen finanziert – Mafia und Mordbrigade in einem.

Im Nichtkrieg gibt es keine Fronten mehr. Wer in Syrien gegen wen kämpft, hängt vom Datum ab. Die Türkei bombardiert Kurden im eigenen Land, obwohl deren Brüder im Irak im gemeinsamen Kampf gegen den IS stehen; zwei Wochen später lässt Ankara Peschmerga-Truppen auf das irakische Schlachtfeld ziehen. Erdoğan laviert: mal gegen den "Islamischen Staat", mal gegen den kurdischen Protostaat im Irak.

Gestern haben die Öl-Potentaten den Terror munitioniert; heute fliegen ihre Jets Angriffe gegen den IS. Obama drohte 2012 dem syrischen Diktator Bomben an; neuerdings schießt die US-Luftwaffe auf die Islamisten und hilft damit ungewollt Baschar al-Assad. Der Iran macht Amerika seit dreißig Jahren die Vorherrschaft in Mittelost streitig; in diesen Tagen haben die beiden ein stilles Zweckbündnis gegen den sunnitischen Islamismus geschlossen. An der ukrainischen Grenze schiebt Putin seine Truppen vor und zurück – je nachdem, wie erfolgreich seine Handlanger in "Neurussland" sind. Der neue Krieg ist ein blutiges Kaleidoskop: schütteln, rütteln, neue Muster.

Nur: So neu ist dieser Krieg nicht, wie ein Blick auf die Gemetzel des 16. und 17. Jahrhunderts in Europa enthüllt. Im Dreißigjährigen Krieg boten zwar Kaiserliche, Schweden und Franzosen klassische Heere auf; Wallenstein befehligte gar 100.000 Mann – eine Mega-Armee für damalige Verhältnisse. Doch parallel dazu lief ein chaotischer Krieg aller gegen alle ab – und aller gegen die Bevölkerung. Es war eine Orgie der Raublust, Plünderung und Verwüstung, wobei Nationalität und Glauben keine Rolle spielten. Loyalität war eine Sache der besseren Entlohnung. Ein Söldnerführer lehrte in seinem Kriegshandbuch: "Hast du 3.000 Mann, wirst du gewiss 4.000 Huren und Jungen finden und das abgefeimteste, leichtloseste Gesindelein."

Im Simplicissimus beschreibt Grimmelshausen die Privatisierung des Krieges. In den Dörfern "stiehlt und nimmt" man, "was man findt, plagt und schikaniert die Bauern, ja schändet gar ihre Mägd, Weiber und Töchter! Man haut sie nieder ...oder schicket aufs wenigste ihre Häuser in Rauch gen Himmel." Heute verkauft der IS Gefangene gegen Lösegeld und Frauen der "falschen" Religion auf dem Sklavenmarkt von Mossul. Eroberte Ölquellen fließen in die Bilanz ein.

Die "ordentlichen", hoch professionalisierten Kriege, die "Kabinettskriege", entstanden erst im 18. Jahrhundert. Exerzieren, Marschieren, Salutieren gerieten zum Modell, das bis in die Jetztzeit ausstrahlt. Es waren im Vergleich zu den Religionskriegen bescheidene Kampagnen, die Fortführung der Politik unter Beimischung von Blei, wie Clausewitz dozierte. Soldaten waren für die Fürsten viel zu teuer, um sie so bedenkenlos zu verheizen wie später in Verdun. Stattdessen regierte das Manöver – vorwärts, seitwärts, bis der Gegner umzingelt war und ehrenvoll kapitulieren durfte. Entscheidender als die offene Feldschlacht war der diplomatische Schachzug. Der Alte Fritz hat seine Bündnisse schneller gewechselt als seine Perücken.

Das dritte Paradigma war der Krieg des 20. Jahrhunderts: Millionenheere gegen Millionenheere. Erfunden hat den Massenkrieg jedoch die Französische Revolution mit der levée en masse – Volk gegen Volk, Demokratie gegen Despotie. Ideologien lieferten den besten Kraftverstärker, seit arabische Armeen unter der grünen Flagge des Propheten ein Jahrtausend zuvor bis nach Persien und Spanien durchmarschiert waren. Im Namen von Demokratie im 19. Jahrhundert, von Rasse und Klasse im 20. haben Hunderte Millionen ihr Leben gelassen. Dagegen waren die Kabinettskriege um Ruhm und Reichtum bewaffnete Menuette.

Keine dieser Kriegsformen lässt sich säuberlich auf das 21. Jahrhundert übertragen. Das Prinzip der Postmoderne – anything goes – bestimmt auch den vierten Typus und vernebelt dessen Wesen. Alles aus der Vergangenheit fließt ein, nichts formiert sich zum eindeutigen Muster. Es herrschen "Segmentierung" und "Asymmetrie", um zwei gestelzte Begriffe zu bemühen.

Segmentierung: Nennen wir einen Teil der Welt "Berlin-Berkeley" – friedfertig, mit schrumpfenden Armeen, alternden Bevölkerungen und steigenden Sozialbudgets. Erloschen ist das Feuer des Nationalismus, der einst Millionen in die Schützengräben trieb. Interessenkriege sind out (Ausnahmen: die USA und mit einigem Abstand Frankreich sowie England). Rechtens, wiewohl nicht zwingend, sind humanitäre Einsätze, aber bitte mit minimalen Verlusten.

Moskau und Peking bilden das zweite Lager. Es gehorcht der Logik des 18. und 19. Jahrhunderts: Dein Verlust ist mein Gewinn. Revisionisten beide, rüsten sie rapide auf – und greifen aus. Nur die Methoden unterscheiden sich. Putins Russland betreibt klassische Machtpolitik, die auf Territorialgewinn und Dominanz zielt – sozusagen: "Russland ist, wo Russen wohnen." China, weitaus stärker mit der Weltwirtschaft verflochten, dehnt sich subtiler aus: mit kleinen militärischen Schritten im Pazifik unterhalb der Provokationsschwelle, mithilfe diplomatischer und kommerzieller Netzwerke.