Die Kurden fühlten sich verraten. Und sie waren es auch. Kaum hatte Mustafa Kemal Atatürk 1923 seinen Nationalstaat errichtet, kannte er nur noch Türken. Die Kurden wurden kurzerhand in "Bergtürken" umbenannt.

Das war für die im südöstlichen Teil des Landes in einem geschlossenen Siedlungsgebiet lebenden Kurden ein schwerer Affront. Denn nicht zuletzt ihnen hatte Atatürk es zu verdanken, dass er seine Vision eines modernen türkischen Nationalstaats verwirklichen konnte. In einer entscheidenden Phase der Staatsgründung hatten sie ihm beigestanden: Sie hatten mitgeholfen, nach dem Ersten Weltkrieg die türkische Unabhängigkeit zu erkämpfen, hatten für die türkische Sache ihr Leben riskiert und bisweilen geopfert.

Das Osmanische Reich, aus dessen Konkursmasse die Türkei entstand, gehörte zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs. Es hatte auf der Seite der Mittelmächte gestanden. Am 30. Oktober 1918 wurde auf dem britischen Kriegsschiff Agamemnon vor der griechischen Insel Lemnos der Waffenstillstand unterzeichnet.

Die Siegermächte teilten große Gebiete des Vielvölkerreichs unter sich auf: Frankreich erhielt Syrien einschließlich des Libanons und Kilikien, das die heutigen türkischen Provinzen Adana und Mersin umfasst. Großbritannien übernahm Palästina und den Irak. Istanbul und die Meerengen hatte ursprünglich das zaristische Russland beansprucht, da sie für Moskau von strategischer Bedeutung waren. Aber das neue sowjetische Regime erhob vorerst keine imperialen Ansprüche. Daher sicherten sich die Briten diese strategisch bedeutsamen Orte. Italien wiederum okkupierte Teile von Südwestanatolien. Gemischte alliierte Truppenkontingente aus Griechenland, Italien, Frankreich und Großbritannien besetzten Izmir und sein Hinterland. Im nördlichen Zentralanatolien mit seiner beträchtlichen griechischen Bevölkerung versuchte man, einen griechischen Staat zu gründen, die Republik Pontos, und die Briten begannen, ein unabhängiges Armenien zu schaffen.

Das Vorrücken der Griechen stärkte den türkischen Nationalismus

Auf der Pariser Friedenskonferenz, die Anfang 1919 begann, bestanden nicht nur Großbritannien, Frankreich und Italien, sondern auch griechische, armenische, zionistische, arabische und kurdische Vertreter auf ihren jeweiligen territorialen Ansprüchen. Der Vertrag von Sèvres schließlich, der am 10. August 1920 zwischen der Entente und dem Osmanischen Reich geschlossen wurde, ließ ausdrücklich auch Spielraum für die Gründung eines unabhängigen Kurdistans. Inzwischen war jedoch der südwestliche Teil Kurdistans an Syrien und damit an den französischen Einflussbereich gegangen, der südöstliche Teil an den Irak als britisches Mandatsgebiet, während allein der nördliche Teil bei der Türkei verblieb.

In seinem Standardwerk zur Geschichte der Kurden schreibt der niederländische Soziologe Martin van Bruinessen, der Vertrag von Sèvres sei schon obsolet gewesen, bevor man ihn unterzeichnet hatte. Die neue Regierung, die sich nach dem Waffenstillstand in Istanbul bildete, war kaum mehr als ein Werkzeug in den Händen der Alliierten. Große Teile der Bevölkerung zeigten sich mit der Lage äußerst unzufrieden. Religiös-konservative Kräfte und türkische Nationalisten nahmen die Okkupation – noch dazu durch in ihren Augen Ungläubige – nur widerwillig hin. Liberale kritisierten, dass die neue Regierung die meisten der demokratischen Errungenschaften, die aus der jungtürkischen Ära verblieben waren, wieder rückgängig machte.

Schon bald bildeten sich überall im Land Widerstandsgruppen. Ein Guerillakrieg gegen die Besatzer begann. Als Reaktion drang eine griechische Armee mit stillschweigender Billigung Großbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten Staaten in Westanatolien ein. Sie überrollte türkische Verteidigungsstellungen und besetzte weite Gebiete. Viele Türken wurden ausgeplündert und getötet. Doch die Nachrichten davon bestärkten die Türken nur in ihrem Nationalismus und nährten den Wunsch nach Rache. Allerdings war von der Regierung in Istanbul in dieser Sache nicht viel zu erhoffen.

Diese Situation verstand ein hochdekorierter und angesehener türkischer Weltkriegsgeneral für sich zu nutzen: Mustafa Kemal, später genannt Atatürk, Vater der Türken. Er begann, die lokalen Widerstandsgruppen zu koordinieren und ein militärisches wie ein ziviles Kommando aufzubauen. Kemal sicherte sich die Unterstützung der wichtigsten Militärkommandeure. Auch den bedeutendsten kurdischen Feudalherren, den Emiren, schrieb er Briefe und forderte sie auf, sich seiner Nationalbewegung anzuschließen. Viele Kurdenstämme folgten seinem Aufruf und kämpften gegen die britischen und französischen Besatzungstruppen. Ein Großteil der türkischen Einheiten, die im Südosten der heutigen Türkei die Provinzhauptstadt Urfa von den Briten befreiten, bestand aus kurdischen Bauern.

Verbunden mit diesem starken Engagement für eine türkische Unabhängigkeit war die Hoffnung der Kurden auf einen eigenen unabhängigen Staat. Um ihr Ziel zu erreichen, arbeiteten sie nicht nur mit Mustafa Kemal zusammen, sondern verhandelten auch mit den alliierten Siegermächten, die den kurdischen Führern bereits in Sèvres signalisiert hatten, sie würden ein unabhängiges Kurdistan anerkennen. Diese Doppelstrategie allerdings war durchaus umstritten: Viele Kurden fanden, es sei unehrenhaft, den Türken, immerhin Glaubensbrüdern, in den Rücken zu fallen, erst recht, weil Kemal ihnen die gleichen Rechte wie die Alliierten versprochen hatte.