"Hey, du Lastwagen", ruft der Typ im getunten BMW neben mir. Dann lacht er. Mit dem Lastwagen meint er mich. Es ist früher Abend, und auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln reihen sich die Autos aneinander. Vor allem jetzt, vor der roten Ampel. Ich stehe ganz vorne, die Füße auf dem Asphalt, in der Hand den Lenker meines Rades. Vorne dran ist eine silberne Box montiert, auf der steht: "Ich bin ein Lastwagen".

Drei Tage lang teste ich ein Lastenfahrrad mit Elektroantrieb, quer durch Berlin. Fahrradwege, mehrspurige Straßen, Anstiege, rote Ampeln, das merke ich schnell, werden zu einer Prüfung.

Im Durchschnitt besitzt jeder dritte Berliner ein Auto. Damit legt er pro Tag drei Wege zurück, beispielsweise zum Büro, zum Supermarkt und wieder nach Hause, etwa 70 Minuten verbringt er auf den Straßen. Deswegen sind es Städte wie Berlin, die am stärksten unter Lärmbelästigung und schlechter Luftqualität leiden. Rund ein Viertel der verkehrsbedingten CO₂-Emissionen entsteht laut EU-Kommission dort. Wenn Handwerker zu ihren Kunden fahren oder jemand Güter transportiert, spricht man von Wirtschaftsverkehr. Sein Anteil am gesamten Fahraufkommen liegt bei einem Fünftel. In Berlin sind drei Viertel der gewerblich zugelassenen Kraftfahrzeuge Pkw, deren Wege meist kürzer als zehn Kilometer sind. Lastenräder, so die Idee, könnten den Verkehr minimieren.

Ein neues Rad kostet so viel wie ein gebrauchter Kleinwagen

Als ich das Lastenrad zum ersten Mal sehe, habe ich Schwierigkeiten, mir vorzustellen, wie ich damit Wasserkisten oder Ähnliches transportieren soll. Zwei Räder, eine silberne Box – wenn da viel Gewicht drin ist, falle ich dann nicht um? Nein, meint Frank Müller, Geschäftsführer von Urban-e, der das Rad zusammengebaut hat. Das sei Übungssache. Eine Mutter, die so ein Rad gekauft habe, fahre damit sogar ihr Kind zur Kita.

Müller verkauft die Räder zum größten Teil an Unternehmen, zum Beispiel an Kurierdienste. Rund ein Viertel geht an Privatleute, besser verdienende Privatleute wohlgemerkt, denn so ein Fahrrad ist teuer. 4.500 Euro kostet mein Testrad, wegen der Sonderausstattung. Dafür, sagt Müller, hätte ich den Mercedes unter den Lastenrädern, "das ist eben kein China-Produkt". Es gebe aber auch günstigere Modelle ab 700 Euro.

Das Lastenrad gilt als Pedelec. Das bedeutet, dass man nicht schneller als 25 km/h fahren kann und weder Kennzeichen, Führerschein noch eine Haftpflichtversicherung braucht. Nicht mal ein Helm ist Pflicht. Dafür darf ich mit einem Lastenrad Straße und Radweg gleichermaßen benutzen. 2,43 Meter ist das Rad insgesamt lang, die Box vorne einen halben Meter breit. In Berlin fahren Kurierdienste mit solchen Lastenrädern, die Fischmanufaktur Deutsche See liefert einen Teil ihrer Waren damit. In Hamburg bietet Ikea seinen Kunden an, Gekauftes per Lastenrad nach Hause zu bringen.

Auf dem Hof soll ich eine Runde Probe fahren. Ich nehme Anlauf und steige auf das Rad, sonst würde ich vielleicht sofort umkippen. Das Vorderrad sehe ich nicht, nur die silberne Box, daran muss ich mich gewöhnen. Auf der linken Seite des Lenkers kann ich einstellen, wie sehr mich die Batterie unterstützen soll. Ich schalte auf die niedrigste Stufe, dann höre ich dieses sanfte Schnurren, das mich in den kommenden Tagen unterwegs begleiten wird.

"Keine Angst haben!" (sonst wird man zu langsam und kann umkippen), "Sattel mitnehmen!" (sonst wird er geklaut), "Immer ans Aufladen denken!" (sonst hat man plötzlich keinen Antrieb mehr und muss ausschließlich aus eigener Kraft treten) – das sind die letzten Ratschläge, die mir Müller gibt, bevor ich losfahre. Nach wenigen Hundert Metern wird aus Asphalt Kopfsteinpflaster, und ich merke: Mit einem Lastenrad auf Kopfsteinpflaster zu fahren macht keinen Spaß. Die Box wackelt so laut, dass Passanten erschrocken einen extragroßen Schritt beiseitegehen.